Nr. 10 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: „Tschüs“ heißt „Gott befohlen“!

Seit dem 01. April 2012 steht fest, dass meine Ausbildung im Oktober 2014 beendet und ich spätestens ab 2015 etwas anderes machen werde. Dass ich woanders sein werde. Dass jetzt die Zeit des Verabschiedens gekommen sein werden wird (…ich bin verwirrt: Ist das jetzt Futur III? Ihr wisst, was ich meine… )
Jetzt ist die Zeit des Verabschiedens. Das ist seit zweieinhalb Jahren klar. Und trotzdem kommt sie überraschend, diese Zeit und diese Herausforderung… Vielleicht, weil die Zeit wie im Flug verging? Vielleicht, weil man lieber die gemeinsame Zeit genießt, anstatt heute schon daran zu denken, dass man sich übermorgen verabschieden muss?

Vor zwei Wochen war ich beim Blick auf den Kalender selbst überrascht: Wie, schon so spät?! Und so schnell können auch zwei Wochen vorbei gehen. Heute bin ich also den letzten Tag meines Lebens Vikarin und morgen beginnt mein Pfarrdienst(verhältnis auf Probe – wenn man es genau nimmt, aber das tue ich nicht, denn Pfarrerin bin ich so oder so.) Und damit ist nicht nur das Ende meiner Ausbildung besiegelt, sondern damit steht auch der andere Aufbruch vor der Tür, lässt sich jetzt nicht mehr wegdenken: Dass es Zeit ist, sich zu verabschieden. Nicht nur vom Vikariat, sondern auch von der Gemeinde. Auch wenn man mich hier und da noch trifft – im Konfi, in der Kinderkirche und in Gottesdiensten – werde ich schon andere Aufgaben haben und woanders unterwegs sein. Ich werde weg sein. Ich werde gehen. Und fange jetzt schon damit an. Deshalb ist dieser Beitrag auch schon mehr Verabschiedung als ich es mir vor zwei Wochen noch gedacht hätte.

Also schaue ich mir genau diese letzten zwei Wochen nochmal an: Ich habe meine Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre ein bisschen geordnet, aufgegräumt, gesäubert, abgelegt, neu sortiert, unter die Lupe genommen, aus der Distanz betrachtet, sie in Schubladen gesteckt, ihnen Etiketten verpasst und sie weggepackt. Nicht in den Keller, aber zumindest in ein Regal in Kellernähe. Das soll nicht heißen, dass ich vergessen will, im Gegenteil! Das, was ich in den letzten zweieinhalb Jahren erlebt habe, passt in kein Regal, keinen Vikariatsbericht, keinen Blog und kein Tagebuch der Welt. Weil es so unglaublich viel ist, tut es mir gut, wenigstens einen Teil davon erstmal „aus den Füßen“ zu haben. Nicht aus den Augen und nicht aus dem Sinn, sondern immer noch so nah, dass ich jederzeit dran kann, es aber nicht muss.

Ich stehe immer noch auf der Schwelle. Und finde in Abraham einen prominenten Leidensgenossen. Wer so auf der Schwelle steht, blickt wehmütig zurück auf das, was war. Muss sich verabschieden und Liebgewonnenes zurücklassen. Was sagt man dann?
Auf Wiedersehen? Obwohl es vielleicht keins geben wird?
Ciao? Viel zu sehr Jugendsprache aus den Neunzigern!
Tschüs? Viel zu nichtssagend!

Moment!? Da habe ich im Vikariat aber was anderes gelernt: „Tschüss“ heißt „Gott befohlen“! Gut, manch einer braucht da kein Vikariat für, sondern schaut in das gängige online-Lexikon und wird auch da fündig. Aber wenn man das (wie ich) nicht getan hat, ist dieser Moment im Predigerseminar, wenn es um die Verabschiedung z.B. nach einem Besuch im Krankenhaus geht und der Dozent uns „Gott befohlen“ ans Herz legt, was keinem der Kolleg_innen so richtig über die Lippen kommen mag, was wir aber jedes Mal sagen, wenn wir uns mit „Tschüs“ verabschieden, sehr erhellend!

Jemanden Gott anzubefehlen, ist eine feine Art, sich zu verabschieden. Damit wird der Abschied nicht nur eine Sache zwischen zweien, sondern dreien. Und deshalb habe ich in Abraham nicht nur einen prominenten Leidens-, sondern auch Glaubensgenossen. An dem deutlich wird, dass Gott was mit uns vorhat, von dem wir Schritt für Schritt (und das ist wörtlich zu nehmen!) erfahren werden. Dass er sich sorgt um die, die gehen und die, die bleiben. Dass er seinen Segen gibt über Abbrüchen, Umbrüchen und Aufbrüchen. Über Abschieden und Neuanfängen.

So stehe ich also auf der Schwelle, blicke zurück auf das, was war und schaue dem entgegen, das kommt. Hoffentlich stehe ich da nicht alleine. Denn sich verabschieden und neu anfangen müssen in der nächsten Zeit alle, mit denen ich hier regelmäßig tolle Arbeit gemacht habe. Alle, die wir uns in den letzten zweieinhalb Jahren nah gekommen sind. Hoffentlich stehen sie alle auch hier und singen/sprechen/lesen für sich selbst, was Klaus Peter Hertzsch in den Achtzigern gedichtet hat:

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

Nr. 9 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Der Weg ist das Ziel.

Als sich im September das Ende der Examenszeit abzeichnete, man mich regelmäßig fragte, wie es mir denn gehe und ich ebenso regelmäßig wie automatisiert antwortete, ich sei froh, dass die Lernerei bald ein Ende haben werde, erntete ich nicht etwa verständnisvolles Nicken, sondern in den allermeisten Fällen ein verschmitzt-altkluges Lächeln, und dann diesen Satz, den ich nach dem dritten Mal schon nicht mehr hören konnte und mich immer noch damit schwer tue: „Sie werden Ihr ganzes Leben lang lernen…“

Warum ich mich schwer tue? Der Satz stimmt zwar. Aber ist er auch wahr? Er muss sich doch für mein Leben und mein Berufsleben erst bewahrheiten, also sich als Wahrheit erweisen! Das ist das eine.
Das andere ist, dass ich schon ahne, wie sehr er sich bewahrheiten wird, weil es unausweislich ist, dieses Lernen. In den letzten zweieinhalb Jahren wurde mir eben genau diese Binsenweisheit sehr sehr klar. Und dass das Pfarramt kein Beruf wie jeder andere ist, sondern ein Dienst und eine Berufung und ein Leben. Du wirst nie ausgelernt haben. Du wirst nie fertig sein.

Warum eigentlich? Ach so, ja, weil das Leben eine Reise ist? Wir gehn dahin und wandern / von einem Jahr zum andern, schreibt Paul Gehrhardt im 17. Jahrhundert. „Der Weg ist das Ziel“, sagt man heute. Normalerweise finde ich diese Bilder von „Kirche auf Wanderschaft“, „Wir sind alle Pilgerinnen und Pilger“, „Gemeinde unterwegs“, „Wir sind alle Suchende“ und ähnliche sehr dürftig; meiner Meinung nach werden sie oft eher unreflektiert benutzt, z.B. um davon abzulenken, dass einem gerade kein besseres Bild eingefallen ist. Aber das führt jetzt vielleicht zu weit.

Was ich sagen will: Der Weg ist das Ziel. Ja. In meinem Fall stimmt das und ist auch noch wahr! In den letzten Jahren bin ich einen unglaublich langen Weg gegangen, der mir beim Gehen sehr viel länger vorkam als er in Wirklichkeit gewesen ist – aber das ist bei Spaziergängen oder Autofahrten auf unbekannten Strecken ja immer so. Ich bin den Weg aber nicht nur gegangen, ich habe mich durch scheinbar undurchdringliches Dickicht geschlagen („Da musst du jetzt durch!“), habe auf Lichtungen die Sonne genossen („Herrlich hier!“), habe mich verirrt („Wo bin ich hier gelandet?!“), mich ausgeruht („Urlaub!“) und noch viel mehr erlebt als in irgendein Tagebuch passen könne – und stehe jetzt an dieser Gabelung. Die doch kein Ziel ist. Denn der Weg ist es ja. Die sich aber trotzdem so anfühlt. Zumindest wie ein Etappenziel.
Dieser Moment, nachdem du eine Weile blindlings drauflosgegangen bist, immer weiter, einen Schritt nach dem anderen, und du irgendwann stehenbleibst und wie zum ersten Mal wahrnimmst, dass du unterwegs bist. So ein Moment ist das jetzt, in diesen Tagen.

Ich stehe also an dieser nächsten Gabelung. Mit dreckigen, staubigen Schuhen. So nehme ich die letzten Jahre immerhin noch ein Stückchen mit und lasse sie Schritt für Schritt hinter mir, wenn die noch feuchte Erde langsam trocknet und aus der Schuhsohle herausbröselt…

Und auch wenn sich beim Verabschieden das Thema „Weg“ nahe legt: Es KANN KEIN ZUFALL SEIN, dass ich gerade heute Abend von einer Gruppe in der Gemeinde eine Postkarte mit selbstgeschriebenen Zeilen bekam, als hätten sie gewusst, worüber ich heute schreiben werde (vorne ein Foto von einer Wendeltreppe): „Mal seh’n, wo dein Weg dich so hinführt… Auf jeden Fall weiter…nach oben…wieder runter…lass‘ dich überraschen.“ Genau das werde ich tun – etwas anders bleibt mir wohl auch nicht übrig, oder?!

P.S.: Am Freitag poste ich die letzte Nummer, die Nr. 10 von 10 Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe. Am letzten Tag als Vikarin. Man liest sich!

Nr. 8 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Wen man nicht alles trifft!

Wenn man – wie ich es in den letzten zweieinhalb Jahren getan habe – intensiv eine Gemeinde besucht, verlässt man den Beobachtungsposten nie ganz, egal wie sehr man Teil des Ganzen wird. An manchen Tagen kam ich mir vor wie in einem riesigen, interaktiven Museum: Immer wieder bin ich zum Staunen stehen geblieben, oder um mir etwas erklären zu lassen; habe mich hierhin und dorthin treiben, hier inspirieren und dort berühren lassen, konnte hier mitreden und dort hinterfragen, hier etwas geben und dort etwas mitnehmen. Habe mir Strukturen und Konzepte, Ideen und Visionen angesehen und Anekdoten, Biographien und Erinnerungen angehört. Manchmal war ich nah an der Reizüberflutung angesichts der vielen Eindrücke.

Natürlich hinkt der Vergleich mit dem Museum, denn es klingt so als würde in einer Kirchengemeinde etwas ausgestellt, das es bloß wert wäre, betrachtet zu werden. Als wäre sie ein Ort voller Theorie. Dabei ist der nicht nur interaktiv, sondern auch lebendig. Hier erzählen sich Menschen nicht nur bloße Geschichten vom Glauben und Zweifeln, sondern leben sie. Deshalb bin ich auch oft genug stehen geblieben, um zu staunen, wen man hier alles trifft:

Himmelsstürmer und Erdenbürger
Gewohnheitsmenschen und Abenteurer
Revolutionäre und Friedensstifter
Sturköpfe und Querdenker
Gottesfürchtige und Kleingläubige
Wanderprediger und Einzelgänger
Hirten und Schafe
nämlich schwarze und weiße, graue, blaue, grüne, gelbe und pinke
gepunktete, gestreifte und kleinkarierte…

Im Moment sehe ich die größte Herausforderung an mich als angehende Pfarrerin, diese bunte Mischung, diese Vielfalt noch anders wertzuschätzen denn als „rheinischen Pluralismus“, auf den man hierzulande (oder sagt man dann „hierzulandeskirchens“?) so stolz ist – und der ja auch mehr die vielfältigen Bekenntnistraditionen als die Vielfältigkeiten menschlichen Lebens meint. Denn es ist doch mehr als das. Hier geht es um etwas anderes. Hier glauben, hoffen und lieben Menschen miteinander.

Ich bin dankbar für alle Menschen, die ich in den letzten zweieinhalb Jahren getroffen und für jede Lebens- und Glaubensgeschichte, die ich nicht nur beobachtet, sondern auch miterlebt habe. Bald werden viele neue dazu kommen. Was haben die Menschen anderswo zu erzählen, wie leben und glauben sie? Wen werde ich anderswo treffen? Wie wird mich das verändern?…

Nr. 7 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Wer nicht fragt, bleibt…dumm?!

Was die Sesamstraße schon lange weiß, kennt die jüdische Tradition schon viel länger: Wenn dein Kind dich morgen fragt…ja, was sagst du dann? Was wirst du ihm erzählen? Welche Antworten wirst du ihm geben? Wie wirst du von deinem Glauben sprechen? Was lernt es von dir?

Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens zu haben, spielt nicht nur zwischen Eltern und Kindern eine Rolle, sondern für mich ist das der Kern von Gemeindepädagogik. Bei Taufen benutze ich zum Beispiel gerne die Formulierung von Tauffragen aus der Nordkirche, in denen das gut zum Ausdruck kommt. Da lautet die Frage an die Gemeinde: „Wollt ihr dieses Kind in eure Mitte aufnehmen, es mit eurem Gebet begleiten und dazu helfen, dass es mit uns glauben, hoffen und lieben lernt…?“

Es ist spannend, reizvoll, herausfordernd und absolut lohnenswert, sich den Fragen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, Männern, Senioren und überhaupt allen zu stellen, die in keine Schublade passen. Hier ein kleines Sammelsurium aus den letzten zweieinhalb Jahren, unsortiert und willkürlich, denn eine Ordnung und Wertung steht mir nicht zu, und auf Vollständigkeit erhebe ich erst recht keinen Anspruch:

Was ist der Mensch?

Woher kommt das Böse?

Warum lässt Gott Leid zu?

Warum gibt es ein Altes und ein Neues Testament?

Warum werden evangelische Pfarrer_innen nicht geweiht?

Ist der Teufel ein gefallener Engel und ein Geschöpf Gottes?

Welche Verantwortung habe ich als Christ_in gegenüber der Welt?

Was passiert nach dem Tod? Sehen wir uns wieder?

Was geschieht mit meiner Kirchensteuer?

Glauben alle Menschen an den gleichen Gott?

Kann ich an den Urknall und an die Schöpfung gleichzeitig glauben?

Was ist Sünde?

Wann gibt es endlich Frieden?

Was passiert beim Beten?

Glauben Pfarrer_innen alles, was in der Bibel steht?

Wer hat eigentlich gesagt, dass Gott „Gott“ heißt?

Wer hat die Bibel geschrieben?

Wie tief muss ich fallen, um von Gottes Hand aufgefangen zu werden?

Warum gibt es an Weihnachten immer ein Krippenspiel?

Warum soll ich in den Gottesdienst gehen?

Durch welche Fragen wird diese Liste wohl in den nächsten Jahren ergänzt werden? Ich könnte ja jetzt schon mindestens bis übermorgen an ihr schreiben…! Anscheinend ist die Nachfrage an Antworten groß. Sehr groß! Also: Wer nicht fragt, bleibt dumm?! Ich würde es positiv formulieren: Wer fragt, bekommt ganz viel geschenkt. Das Ringen um die richtigen Worte und die Suche nach der passenden Antwort. Die jüdische Tradition macht es doch vor: Wer fragt, lernt. Glauben und Leben.

Auch dafür liebe ich meinen „Beruf“. 🙂

P.S.: Morgen geht’s genau hier weiter, und zwar mit der Nr. 8 von 10 und ein paar Gedanken zu denen, die hinter den Fragen und den Antworten stecken. Man liest sich!

Nr. 6 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Manchmal müssen Angebot und Nachfrage einander erst noch vorgestellt werden.

Grundsätzlich ist man ja bei Kirchens sehr zurückhaltend mit marktwirtschaftlichem Denken. Es gibt Pfarrer, die schon bei den Begriffen Angebot und Nachfrage zusammenzucken. Aus Respekt? Weil sie befürchten, vor lauter Marketingstrategien Gottes Wirken den Raum zu nehmen? Weil sie ahnen, dass ein bisschen Werbung nicht schaden wird? Weil sie Sorge haben, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren? All dem kann man vorbeugen.

Im Vikariat habe ich gelernt, dass sich ein bisschen Nachdenken (es muss ja nicht gleich eine eigene statistische Erhebung sein!) über Angebote und Nachfragen lohnt. Dafür muss man kein Marketingexperte sein und man kann außerdem getrost Begriffe wie Marktpreis, Dienstleistungsunternehmen, Monopolstellung und Ähnliches vermeiden. Gesunder Menschenverstand ist (fast) alles, was man dazu braucht. Es lohnt sich, wenn man sich fragt, wen wir eigentlich erreichen wollen und wen wir tatsächlich erreichen; was von uns gefordert wird und was wir fördern. Man erspart sich und anderen damit viel Enttäuschung, weil Engagement und Ideen nicht ins Leere laufen. Und man kann die Arbeit anpassen. Damit sich „Angebote für Erwachsene“ nicht nur an Senioren richten und damit es in der Konfirmandeneltern-Arbeit nicht nur um die Jugendlichen geht. Oder damit man angemessen auf Veränderungen reagieren kann. Zum Beispiel in Zeit, Regelmäßigkeit oder Form von Veranstaltungen. Und um sich nicht hauptsächlich von den eigenen Vorstellungen, Ideen und Ansprüchen leiten zu lassen. Es bewahrt außerdem davor, überall alles und alles überall möglich machen zu wollen oder zu müssen.

Ich bin sehr gespannt auf die Gemeinden, die ich als Pfarrerin in Zukunft kennenlernen werde, auf ihre Angebote und ihre Nachfragen. Und auf Möglichkeiten, beide einander vorzustellen.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

P.S.: Das Wort „Nachfrage“ inspiriert mich gerade nochmal ganz neu. Deshalb werde ich mich nächste Woche (morgen ist Blog-frei) mal damit beschäftigen, was in Kirchengemeinden wirklich gefragt wird. Also auf welche Fragen Menschen eine Antwort suchen. Dann in der Nr. 7 von 10. Man liest sich!

Nr. 5 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Erst wenn du drin bist, weißt du, worauf du dich eingelassen hast.

Bei meiner Entscheidung für ein Theologiestudium mit dem Ziel Pfarramt spielten auf der einen Seite der Pfarrer, der mich getauft und konfirmiert hatte und auf der anderen Seite Erfahrungen in einer charismatischen Gemeinde in den Staaten eine Rolle. Beides sehr prägende Begegnungen mit Menschen. Aber wusste ich wirklich, worauf ich mich da einließ?

Beim Vorstellungsgespräch bei der Landeskirche fragte der Dezernent, wo ich mich denn in zehn Jahren als Pfarrerin sehen würde – im Nachhinein finde ich die Frage etwas merkwürdig, schließlich war ich erst im zweiten Semester oder so und gerade intensiv mit Griechisch-Vokabeln beschäftigt und mit dem Eindruck, dass Studieren doch ein bisschen so wie Schule ist, nur in freiwillig…aber gut. Er fragt diese Frage. Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich predige. Und ich taufe.“ Ja, was denn sonst?!, habe ich mir insgeheim gedacht. Womit sonst hätte ich die Bilder meiner beruflichen Zukunft malen sollen, wenn nicht mit Farben aus der Gegenwart? Der Dezernent war offensichtlich zufrieden und zitierte daraufhin noch eine Bibelstelle (an die ich mich nicht erinnere), die das seiner Meinung nach noch besonders gut deutlich machte. Und so machte ich hinter die Frage Bin ich hier eigentlich richtig? erstmal einen dicken Haken: Ja!

In den nächsten Jahren, in Studium und Praxis, habe ich versucht, meinem ursprünglichen Pfarrbild gerecht zu werden oder ihm zumindest näher zu kommen, es Wirklichkeit werden zu lassen. Es sollte doch kein Luftschloss sein?

Lange Rede, kurzer Sinn: Erst im Vikariat habe ich den richtigen Eindruck bekommen, worauf ich mich eingelassen habe. Habe erfahren, dass ich mit ganzer Begeisterung bei der Sache sein kann und es trotzdem Aufgaben oder Arbeitsbereiche gibt, bei denen ich sie nicht aufbringen kann. Weil mir das Talent fehlt oder die Ausbildung oder einfach nur die Erfahrung. Da hilft es nur wenig, mit meinen Aufgaben zu wachsen. An manches habe ich mich noch nicht gewöhnt. Zum Beispiel an die Langsamkeit, mit der die Mühlen bei Kirchens so mahlen; an sich im Kreis drehende Diskussionen; an fehlende Zielgerichtetheit, die entweder mit einer gewissen Selbstverliebtheit oder einfach nur Bequemlichkeit einhergeht („Ist doch alles schön!“); an Vorschriften, Regeln, Verbindlichkeiten, die angeblich total wichtig sind, aber an die sich dann doch keiner hält; an das Sitzfleisch der anderen; dass die Post der Landeskirche in einem Paralleluniversum zugestellt wird; dass meine Generation angeblich ganz ganz heiß begehrter Nachwuchs ist, meiner Meinung nach aber eine Willkommens-Kultur fehlt, damit wir es auch bleiben und und und. Soweit mein Eindruck.

Dazu habe ich viele Kolleg_innen kennengelernt, die keine Zeit haben (oder sie sich nicht nehmen?), z.B. über einen Predigttext nachzudenken. Die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihren Dienst bei einem Maximum, nämlich bei 100% zu halten. Ich habe Gemeinden kennengelernt, die viel sparen, aber wenig haushalten; die viel reduzieren, aber wenig konzentrieren. Und ich habe eine Kirche kennengelernt, die gegen den Trend wachsen will, aber faktisch immer kleiner wird – demographischer Wandel lässt grüßen! Das sind nur einige von den Dinge, die mich wieder und wieder haben fragen lassen: Bin ich hier richtig?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass heute, am Tag dieses Beitrags, die Ordinationstagung meiner Landeskirche stattfindet. Wo es unter anderem darum geht, wozu meine Kolleg_innen und ich uns demnächst berufen lassen werden: Die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Hätte mich damals schon jemand über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt – ich hätte mich wieder so entschieden. Hier bin ich richtig. Trotz allem und genau deswegen.

P.S.: Weil predigen und taufen nicht alles ist, schreibe ich beim nächsten Mal was zu Angebot und Nachfrage, dann in der Nr. 6 von 10… Man liest sich!

Nr. 4 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Kleider machen Leute.

„Was zieh ich an, was zieh ich an, damit man mich auch gut sehen kann?“, trällerten Schulkinder in den Neunzigern (hach da werden Erinnerungen wach…) und schärften damit allmorgendlich ihr Bewusstsein für verkehrssichere Kleidung. Der Subtext heißt: Wer nicht auffällt, wird übersehen!

Übersehen werden wollen Kirchengemeinden auch nicht. Aber gegenüber dem Auffallen gibt es doch noch ein paar Vorurteile: Haben wir das nötig? Dürfen wir das denn? Geht das überhaupt?
Um nach außen ein einheitliches Bild abzugeben und auch nach innen alle unterschiedlichen Kleidungsstile (Birkenstock und Haute Couture, Schlaghosen und Röhrenjeans, Burberry-Schal und Jack Wolfskin-Fleecepulli) zusammen zu fassen, geben sich Kirchengemeinden heutzutage aus guten Gründen ein Corporate Design, das ihnen hilft, sich nicht jeden Morgen und bei jeder Plakat-, Handzettel-, Liedblatt-, Homepage- und sonstiger Gestaltung neu fragen zu müssen: Was zieh ich an…? Und heben sich dadurch hoffentlich ein bisschen von der Masse ab. Fallen also im besten Falle auf.

Aber gut gemeint ist längst nicht gut gemacht: Lässt das Design Gestaltenden eine gewisse künstlerische Freiheit (manchmal ist noch nicht einmal Querformat möglich)? Kann das Logo problemlos an jeder Stelle in Print- und digitalen Medien eingesetzt werden? Wissen alle über das Design Bescheid und verwenden es entsprechend? Und: Bestimmt die Funktion wirklich die Form?

Im Vikariat habe ich gelernt, mit offenen Augen durch die Welt und die Kirche zu gehen und zu beobachten. Das meiste, was ich dabei sehe, gefällt mir. Aber wenn ich sehe, welches Design und Layout sich Gemeinden so „anziehen“, dann finde ich Vieles davon wirklich nicht schön. Also weder stilvoll noch besonders aussagekräftig. Und Mühe machen sich die wenigsten. Dabei ist das gar nicht so schwer: Meiner Meinung nach dürfte kein Gemeindebrief in der Herstellung so teuer sein, dass er auf Anzeigen angewiesen ist; der schwarz-weiß-Kopierer sollte hauptsächlich für Arbeitsmaterialien und Sitzungsunterlagen benutzt werden; Geld für Software wie EG digital (mindestens das!) ist mehr als gut investiert; Comic Sans kann in den Neunzigern bleiben und eine Grafik/ein Logo/ein Werbemittel, das Kreuz, Fisch und Friedenstaube enthält, hat mindestens zwei Symbole zu viel.

Wenn unter den Leser_innen jemand anderer Meinung ist, her damit! Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen – wenn ihr gute Argumente habt. 🙂

Im Nachgang zu gestern kommen mir außerdem auch solche Fragen: Werden unterschiedliche Kommunikationsmittel genutzt, um alle zu erreichen? Sind Informationen allen zugänglich? Ist die Sprache verständlich? Machen wir es Menschen leicht, Angebote wahrzunehmen? Werden Informationen regelmäßig aktualisiert? Kann wirklich jede/r kommen?

Ich bleibe dran.

P.S.: Die Kirche und die Werbung…ein mir bekannter Pfarrer hat dazu mal einen lesenswerten Beitrag in seinem Blog verfasst!

P.P.S.: Ein Augenschmaus (und nicht nur das) ist das von der VEM (Vereinte Evangelische Mission) Buch „Aufmachen“. Eine schöne Inspirationsquelle!

P.P.P.S.: Ich bleibe noch ein bisschen bei der Vogelperspektive. Manchmal tut es ganz gut, sich die Dinge mit viel Abstand von oben anzusehen. Nächstes Mal dann was zu kirchlichen Strukturen, ihren Risiken und Nebenwirkungen (Nr. 5 von 10). Man liest sich!