Pfarrdienst, wie geht das?

So manche Berufsbezeichnung hat ihre sprachlichen Tücken:
„Ich bin Vikarin.“ – „Welche Karin?“

Ich gebe zu: Das ein oder andere Mal habe ich mir gewünscht, ich wäre einfach Architektin oder Lehrerin geworden. Das hätten auf Anhieb alle verstanden und sich sogar noch etwas darunter vorstellen können. Als Pfarrerin sollte sich das ändern. Dachte ich. Und dann waren die Erstklässler der felsenfesten Überzeugung, dass man für diesen Beruf auf jeden Fall einen Führerschein braucht und sehr viel in großen Autos oder Bussen unterwegs ist – was zum Teil ja sogar stimmt, aber es lag doch wohl eher daran, dass man hierzulande das P im Pf eher verschludert… Okay, das zählt nicht.

Inzwischen bin ich also Pfarrerin. Und ja, es hat sich etwas verändert. Nicht nur, dass sich unter dem Pfarrberuf die meisten Menschen etwas vorstellen können und Fragen wie „…und was macht man da so?“ meistens ausbleiben.

Stattdessen stehe ich vor anderen Herausforderungen. Zum Beispiel dieser: Pfarrerin zu sein.
Denn so schön es doch ist, meinen Beruf nicht erklären zu müssen, so zahlreich sind doch die Fragen und Erwartungen an ihn. Ich suche und sammle regelmäßig Antworten auf die Frage, wie das eigentlich geht, Pfarrerin zu sein. Was es heißt, was es bedeutet, was es mit der Person macht (also mir!), die dieses Amt bekleidet, d.h. im wahrsten Sinne angezogen hat.
Und das, obwohl sich rein äußerlich nichts verändert hat: Talar und Beffchen sind noch die gleichen, und ich darf all das, was ich auch vorher schon durfte. Nur jetzt mit eigenem Auftrag. Manche Kolleg_innen versuchen auf eigene Art und Weise, das Unsichtbare sichtbar zu machen und tragen seit dem Pfarrdienstbeginn z.B. eine neue Brille oder Frisur, was für mich aus unterschiedlichen Gründen aber nicht in Frage kam.

Ich lasse also das Unsichtbare unsichtbar und merke trotzdem, dass sich etwas verändert. Vielleicht wird ja von selbst etwas sichtbar. Manchmal meine ich, es im Spiegel zu erkennen… Diese Veränderungen kann man nicht anziehen. Man kann sich nicht damit schmücken oder schminken. Sie kommen im Gespräch, in Begegnungen mit Menschen, die immer wieder fragen: „Warum sind Sie Pfarrerin geworden? Was gefällt Ihnen besonders an diesem Beruf?“ Ich treffe Menschen, und ich treffe auf Meinungen, Erwartungen, Vorurteile, Neugier, Fragen und ein ganzes Museum voller Pfarrbilder. Da kann ich mich umgucken, dem Audioguide zuhören (der mich an ausgewählten Bildern vorbeischickt) und mich mit den entsprechenden Künstler_innen unterhalten. Interessant ist das auf jeden Fall! Aber wenn ich nach Hause gehe, habe ich immer noch keine Antworten.

Pfarrdienst, wie geht das?

In der Predigt, die ich heute gehört habe, ging es darum, Dinge geschehen zu lassen. Nicht alles selber tun zu wollen, sondern vertrauen, dass Gott wirkt. Ich bin sehr gespannt auf meine ersten Amtsjahre, in denen ich einerseits dem ein oder anderen Pfarrbild entsprechen werde, in denen ich andererseits selber aussuche, welches Pfarrbild zu mir passt, und in denen ich immer wieder erlebe, dass Pfarrdienst auch heißt, Gott wirken zu lassen.

Trotzdem werde ich mich in der nächsten Zeit viel mit dieser Frage beschäftigen, wie Pfarrdienst geht, was es für mich bedeutet und was für eine Pfarrerin ich bin oder sein will. Ich werde mir einige Pfarrbilder von ganz nah oder mit viel Abstand ansehen und werde viel nachdenken, reden und natürlich hier schreiben.

Nr. 5 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Erst wenn du drin bist, weißt du, worauf du dich eingelassen hast.

Bei meiner Entscheidung für ein Theologiestudium mit dem Ziel Pfarramt spielten auf der einen Seite der Pfarrer, der mich getauft und konfirmiert hatte und auf der anderen Seite Erfahrungen in einer charismatischen Gemeinde in den Staaten eine Rolle. Beides sehr prägende Begegnungen mit Menschen. Aber wusste ich wirklich, worauf ich mich da einließ?

Beim Vorstellungsgespräch bei der Landeskirche fragte der Dezernent, wo ich mich denn in zehn Jahren als Pfarrerin sehen würde – im Nachhinein finde ich die Frage etwas merkwürdig, schließlich war ich erst im zweiten Semester oder so und gerade intensiv mit Griechisch-Vokabeln beschäftigt und mit dem Eindruck, dass Studieren doch ein bisschen so wie Schule ist, nur in freiwillig…aber gut. Er fragt diese Frage. Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich predige. Und ich taufe.“ Ja, was denn sonst?!, habe ich mir insgeheim gedacht. Womit sonst hätte ich die Bilder meiner beruflichen Zukunft malen sollen, wenn nicht mit Farben aus der Gegenwart? Der Dezernent war offensichtlich zufrieden und zitierte daraufhin noch eine Bibelstelle (an die ich mich nicht erinnere), die das seiner Meinung nach noch besonders gut deutlich machte. Und so machte ich hinter die Frage Bin ich hier eigentlich richtig? erstmal einen dicken Haken: Ja!

In den nächsten Jahren, in Studium und Praxis, habe ich versucht, meinem ursprünglichen Pfarrbild gerecht zu werden oder ihm zumindest näher zu kommen, es Wirklichkeit werden zu lassen. Es sollte doch kein Luftschloss sein?

Lange Rede, kurzer Sinn: Erst im Vikariat habe ich den richtigen Eindruck bekommen, worauf ich mich eingelassen habe. Habe erfahren, dass ich mit ganzer Begeisterung bei der Sache sein kann und es trotzdem Aufgaben oder Arbeitsbereiche gibt, bei denen ich sie nicht aufbringen kann. Weil mir das Talent fehlt oder die Ausbildung oder einfach nur die Erfahrung. Da hilft es nur wenig, mit meinen Aufgaben zu wachsen. An manches habe ich mich noch nicht gewöhnt. Zum Beispiel an die Langsamkeit, mit der die Mühlen bei Kirchens so mahlen; an sich im Kreis drehende Diskussionen; an fehlende Zielgerichtetheit, die entweder mit einer gewissen Selbstverliebtheit oder einfach nur Bequemlichkeit einhergeht („Ist doch alles schön!“); an Vorschriften, Regeln, Verbindlichkeiten, die angeblich total wichtig sind, aber an die sich dann doch keiner hält; an das Sitzfleisch der anderen; dass die Post der Landeskirche in einem Paralleluniversum zugestellt wird; dass meine Generation angeblich ganz ganz heiß begehrter Nachwuchs ist, meiner Meinung nach aber eine Willkommens-Kultur fehlt, damit wir es auch bleiben und und und. Soweit mein Eindruck.

Dazu habe ich viele Kolleg_innen kennengelernt, die keine Zeit haben (oder sie sich nicht nehmen?), z.B. über einen Predigttext nachzudenken. Die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihren Dienst bei einem Maximum, nämlich bei 100% zu halten. Ich habe Gemeinden kennengelernt, die viel sparen, aber wenig haushalten; die viel reduzieren, aber wenig konzentrieren. Und ich habe eine Kirche kennengelernt, die gegen den Trend wachsen will, aber faktisch immer kleiner wird – demographischer Wandel lässt grüßen! Das sind nur einige von den Dinge, die mich wieder und wieder haben fragen lassen: Bin ich hier richtig?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass heute, am Tag dieses Beitrags, die Ordinationstagung meiner Landeskirche stattfindet. Wo es unter anderem darum geht, wozu meine Kolleg_innen und ich uns demnächst berufen lassen werden: Die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Hätte mich damals schon jemand über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt – ich hätte mich wieder so entschieden. Hier bin ich richtig. Trotz allem und genau deswegen.

P.S.: Weil predigen und taufen nicht alles ist, schreibe ich beim nächsten Mal was zu Angebot und Nachfrage, dann in der Nr. 6 von 10… Man liest sich!