Worte sind meine Sprache

Predigt für den Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr / Volkstrauertag (15.11.2015) in der Friedenskirche Neersen

Während ich diese Zeilen schreibe, brennt neben meinem Schreibtisch eine Kerze. Die habe ich diesmal ganz bewusst angezündet. Für mehr Licht, denn das haben diese Tage auch nötig. Jetzt, wo es draußen viel zu schnell dunkel und in den Herzen von so Vielen so schnell finster wird. Ich zünde das Licht an für mehr Wärme, denn auch das haben diese Tage nötig, wenn für manche kalte Schultern ein Wintermantel nicht reicht.

Die Flamme meiner Kerze flackert, ganz leicht von dem Luftzug der Heizung, und stärker dann, wenn ich mich unruhig vom Tisch erhebe und durchs Zimmer tigere, um meine unordentlichen Gedanken zu sortieren. Die Flamme ist so unruhig wie mein Herz. Ich beobachte sie und denke mir dabei, dass sie auch ein Symbol ist. Für den Frieden. Ein kräftiger Wind – und schon ist es wieder dunkel.

Während ich diese Zeilen schreibe, überschlagen sich an meinem Bildschirm immer noch die Nachrichten und Kommentare, und ich komme kaum hinterher, sie zu lesen und zu filtern, während in meinem Kopf die Gedanken Purzelbäume schlagen – und zwar nicht die, die den Endorphin-Spiegel in die Höhe treiben.

Ich bin bewegt. So viele sind bewegt. An diesem Wochenende, und in diesen Tagen. Weil uns da etwas nah kommt. Zu nah. Da passiert etwas in einem Land, das uns geographisch gesehen so nah ist, dass wir mal für ein langes Wochenende hinfahren. Man kann ja von Frankreich als Urlaubsland halten was man will, aber lieben wir nicht doch alle ein bisschen dieses Land, und diese Stadt, die die Stadt der Liebe ist? Wir fahren für einen Kurzurlaub nach Paris, essen hier ein Croissant und trinken dort einen Café au lait und beobachten dabei die gut angezogenen Mademoiselles, Madames und Messieurs (und uns heimlich fragen, warum wir das nicht auch können). Und wenn wir dann wieder zu Hause sind in unserem kernigen und schwarzbrotgeprägten Deutschland, dann kaufen wir uns eine Flasche Merlot und eine Käseplatte und fühlen uns wie Gott in Frankreich. Ja, so nah ist uns dieses Land.

Und deshalb kommt es uns jetzt nah. Deshalb bewegt uns, was dort passiert.

Auch, weil an diesem Abend im Stadion in Paris deutsche Fußballer den Ball über den Rasen kicken, weil sie dabei von deutschen Fußballfans angefeuert werden, und auch, weil sich bestimmt im Konzertsaal und den Brasserien ebenfalls Menschen aufgehalten haben, die Deutsche sind. Menschen, die wir nicht kennen und wahrscheinlich niemals kennenlernen werden, aber mit denen wir Sprache und Heimat teilen, die Lust am Fußball und den Genuss von Livemusik und die einen geselligen Abend mit Freunden genauso schätzen wie wir. Man muss kein Sozialpsychologe sein, um zu verstehen, dass auch diese Dinge dafür sorgen, dass wir uns dem, was in Paris an diesem Wochenende passiert ist, nah fühlen. So nah, dass man den Knall der Detonationen fast mit eigenen Ohren gehört und den für einen kurzen Moment bebenden Fußboden beinahe mit den eigenen Füßen gespürt hat. Das geht einem durch Mark und Bein. Das tut körperlich weh. Sagen viele.

Viel mehr noch als das, was in den letzten Tagen in anderen Ländern geschehen ist, und was viel furchtbarer und brutaler ist als die Ereignisse in Paris. In Ägypten, Israel, Kolumbien, im Libanon, Nigeria, Somalia, in der Ukraine…für jeden Buchstaben des Alphabets findet sich mindestens ein Land auf dieser Welt, in dem es Bürgerkrieg, Gewalt, Terror, Blutbäder und Konflikte gibt. Wer Frieden buchstabieren wollte, müsste anfangen bei A wie Afghanistan und hätte viel zu tun.

Heute ist Volkstrauertag, und an diesem Wochenende bekommt das nochmal einen ganz anderen, neuen Klang.

Volkstrauertag. Das hört sich in diesen Tagen anders an, wenn gefühlt jeder zweite Nutzer sein facebook-Profil-Bild mit blau-weiß-roten Streifen versieht. Für mehr Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Volkstrauertag. An diesem Wochenende gehen andere Bilder der Trauer um die Welt: Kerzen im Fenster. Und ein schwarzes Peace-Zeichen mit einem Eiffelturm.

Volkstrauertag. Es ist nur ein Tag. Oder doch eine gefühlte Ewigkeit?

Inzwischen heißt dieser Tag nicht mehr Heldengedenktag. Und das ist gut. Weil Krieg und Gewalt, Terror und Konflikt keine Helden hinterlassen, sondern an Leib und Seele verwundete und verletzte Menschen. Menschen, deren Narben auch bei den Kindern und Enkelkindern bleiben.

Dieser Tag heute ist auch der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr. So nah kommen sich Staat und Kirche, Welt und Gemeinde. Heute, an diesem Tag, liegen sie so dicht beieinander, dass man den einen kaum von dem anderen unterscheiden kann.

Wenn das Kirchenjahr zu Ende geht, blicken wir zurück auf das letzte Jahr, auf das, was uns froh und dankbar macht, und auf alles, was uns beschwert. Das klagen wir Gott. Wenn das Kirchenjahr zu Ende geht, blicken wir auch nach vorn und fragen uns: Was wird morgen sein? Wer werde ich morgen sein? Werden wir getröstet? Gibt es Hoffnung? Welche Zukunft wartet auf mich?

Wenn wir Volkstrauertag begehen, blicken wir zurück auf unsere Geschichte. Gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt. Lassen uns mahnen von der Vergangenheit. Wir blicken ins Jetzt und sehen: Unsere Gegenwart ist die Vergangenheit der Zukunft. Wir blicken nach vorn und fragen uns: Was können wir jetzt tun für eine gute Zukunft, die unseren Kindern und Enkelkindern eine gute Vergangenheit wird?

Heute gehen die Gedanken zurück. Zu den Zeiten des Unfriedens. Die Gedanken gehen ein paar Tage zurück. Ein paar Wochen, Monate, Jahre. Sie gehen viele Jahre zurück. Siebzig Jahre und mehr. Die Gedanken gehen mehr als eine Generation zurück. Mehr Jahre als ein Menschenleben im Durchschnitt dauert. Wir blicken zurück auf das, was war. So viele Schicksale, Lebensgeschichten, Namen. Manche sind uns ganz nah, andere weit entfernt. Wir blicken auf das, wie wir geworden sind, wer wir heute sind. Als Mensch, Volk, Gesellschaft, Gemeinde, Christen. Was uns geprägt hat, was uns erschreckt, schockiert, beschämt. Und das, was uns trotz allem im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe wach hält.

Heute gehen die Gedanken zurück, und sie gehen nach vorn. Die Fragen werden laut, unser Herz wird unruhig. Und uns fehlen die Worte. Wir finden keine Antworten.

Also, was soll man sagen?
Die einen sagen: Wir sind Paris.
Die anderen: Wir sind auch Beirut und Gaza.
Die einen: Die Grenzen müssen dicht gemacht werden.
Andere: Es sind diese Leute, vor denen die Menschen in Syrien fliehen.
Manche: Der Islam lehrt Gewalt.
Andere: Allahu akbar ist ein Gebet, kein Aufruf zur Gewalt.
Und wieder andere sagen: Terroristen sind Terroristen. Und Terror kennt keine Religion.

Auch mir fehlen die Worte. Und dann lese ich in der Bibel diese Worte: Tu deinen Mund auf für die Stummen (Spr 31,8).
Aber was soll man sagen? Welches Wort ist das richtige?

Jesus Christus ist das menschgewordene Wort Gottes, das in die Welt gekommen ist, um ihr Sprache zu geben. Und wenn er wirklich ein Wort ist, das man auch sprechen kann, dann muss es ein UND sein. Weil ein UND verbindet, was zusammengehört. Und auch alles, was nicht zusammengehört. Das Und verbindet Männer und Frauen, Kinder und Senioren, Flüchtlinge und Helfer, Erzieher und Bundeskanzlerin, Polizistin und Hausfrau, Soldaten und Friedensaktivisten. Das und streckt nach rechts und links seine Arme aus und verbindet. Ja, Jesus muss ein UND (+) sein. Im Kreuz verbinden sich oben und unten, Himmel und Erde. Im Kreuz verbinden sich rechts und links die Menschen untereinander. Jesus muss ein UND sein.

So lese ich die Bibel dann ganz neu:

Am Anfang war das und und das UND war bei Gott und Gott war das UND.
Und das UND ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.
Es versammelten sich viele in dem Haus, so dass kein Platz war drinnen und draußen, und er sagte ihnen das UND.
Und sie sprachen: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast UNDe des ewigen Lebens.
Und er sprach: Wenn ihr bleiben werdet an meinem UND, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger. Wer mein UND hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Und er redete das UND frei und offen.

Ich lese weiter: Denn Gott spricht: So soll auch das UND sein, das von meinem Mund ausgeht, es soll nicht wieder leer zu mir zurückkehren, sondern soll tun, was mir gefällt und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Ja, so macht es Sinn: Gott hat in Christus unter uns aufgerichtet das UND von der Versöhnung.
Und: Das Gras verdorrt und die Blume auf dem Feld verwelkt, aber des Herrn UND bleibt in Ewigkeit.
Deshalb stelle ich in diesen dunklen Tagen eine Kerze ins Fenster und werde nicht müde zu singen: Gottes UND ist wie Licht in der Nacht, es hat Hoffnung und Zukunft gebracht. Und ich werde nicht müde zu beten: Sprich nur ein UND, und meine Seele wird wieder gesund.

In den Tagesthemen hat Sonia Mikich heute Nacht gesagt: „Ich will, dass wir das letzte Wort haben, nicht den letzten Schuss feuern.“ Und ich denke mir: Ja, was wäre das für eine Welt, in der Menschen verlernen oder vergessen oder verleugnen, dass Worte ihre Sprache sind?!

Wo doch gesagt ist: Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.

Also sage ich UND in diesen Tagen. Und ich sage noch zwei andere Worte.
Das eine ist: NEIN.
Nein zu Angst und Hass.
Nein zu respektlosem Umgang mit anderen Menschen.
Nein zu kalten Schultern und versteinerten Herzen.
Nein zu Hetze und Terror.
Nein zu Misstrauen.
Nein zu lebensverachtendem Verhalten.
(Die Liste ist noch länger, aber ich finde das andere Wort noch wichtiger.)

Das andere Wort ist: JA.
Ja zum Erinnern.
Ja zu Geschichte.
Ja zum Frieden.
Ja zu mehr Solidarität und Respekt und Toleranz.
Ja zum Händereichen.
Ja zur Liebe, zu mehr Lachen.
Ja zum Leben.
Ja zu Vertrauen.
Ja zu mehr Kerzen in den Fenstern.
Ja zu mehr Fragen, Liedern, Gebeten.
Ja zu „erzähl mir deine Geschichte“.

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache derer, die verlassen sind.
Denn es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüsstest.
Dein Wort ist meine Sprache.

Amen.