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…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: „Tschüs“ heißt „Gott befohlen“!

Seit dem 01. April 2012 steht fest, dass meine Ausbildung im Oktober 2014 beendet und ich spätestens ab 2015 etwas anderes machen werde. Dass ich woanders sein werde. Dass jetzt die Zeit des Verabschiedens gekommen sein werden wird (…ich bin verwirrt: Ist das jetzt Futur III? Ihr wisst, was ich meine… )
Jetzt ist die Zeit des Verabschiedens. Das ist seit zweieinhalb Jahren klar. Und trotzdem kommt sie überraschend, diese Zeit und diese Herausforderung… Vielleicht, weil die Zeit wie im Flug verging? Vielleicht, weil man lieber die gemeinsame Zeit genießt, anstatt heute schon daran zu denken, dass man sich übermorgen verabschieden muss?

Vor zwei Wochen war ich beim Blick auf den Kalender selbst überrascht: Wie, schon so spät?! Und so schnell können auch zwei Wochen vorbei gehen. Heute bin ich also den letzten Tag meines Lebens Vikarin und morgen beginnt mein Pfarrdienst(verhältnis auf Probe – wenn man es genau nimmt, aber das tue ich nicht, denn Pfarrerin bin ich so oder so.) Und damit ist nicht nur das Ende meiner Ausbildung besiegelt, sondern damit steht auch der andere Aufbruch vor der Tür, lässt sich jetzt nicht mehr wegdenken: Dass es Zeit ist, sich zu verabschieden. Nicht nur vom Vikariat, sondern auch von der Gemeinde. Auch wenn man mich hier und da noch trifft – im Konfi, in der Kinderkirche und in Gottesdiensten – werde ich schon andere Aufgaben haben und woanders unterwegs sein. Ich werde weg sein. Ich werde gehen. Und fange jetzt schon damit an. Deshalb ist dieser Beitrag auch schon mehr Verabschiedung als ich es mir vor zwei Wochen noch gedacht hätte.

Also schaue ich mir genau diese letzten zwei Wochen nochmal an: Ich habe meine Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre ein bisschen geordnet, aufgegräumt, gesäubert, abgelegt, neu sortiert, unter die Lupe genommen, aus der Distanz betrachtet, sie in Schubladen gesteckt, ihnen Etiketten verpasst und sie weggepackt. Nicht in den Keller, aber zumindest in ein Regal in Kellernähe. Das soll nicht heißen, dass ich vergessen will, im Gegenteil! Das, was ich in den letzten zweieinhalb Jahren erlebt habe, passt in kein Regal, keinen Vikariatsbericht, keinen Blog und kein Tagebuch der Welt. Weil es so unglaublich viel ist, tut es mir gut, wenigstens einen Teil davon erstmal „aus den Füßen“ zu haben. Nicht aus den Augen und nicht aus dem Sinn, sondern immer noch so nah, dass ich jederzeit dran kann, es aber nicht muss.

Ich stehe immer noch auf der Schwelle. Und finde in Abraham einen prominenten Leidensgenossen. Wer so auf der Schwelle steht, blickt wehmütig zurück auf das, was war. Muss sich verabschieden und Liebgewonnenes zurücklassen. Was sagt man dann?
Auf Wiedersehen? Obwohl es vielleicht keins geben wird?
Ciao? Viel zu sehr Jugendsprache aus den Neunzigern!
Tschüs? Viel zu nichtssagend!

Moment!? Da habe ich im Vikariat aber was anderes gelernt: „Tschüss“ heißt „Gott befohlen“! Gut, manch einer braucht da kein Vikariat für, sondern schaut in das gängige online-Lexikon und wird auch da fündig. Aber wenn man das (wie ich) nicht getan hat, ist dieser Moment im Predigerseminar, wenn es um die Verabschiedung z.B. nach einem Besuch im Krankenhaus geht und der Dozent uns „Gott befohlen“ ans Herz legt, was keinem der Kolleg_innen so richtig über die Lippen kommen mag, was wir aber jedes Mal sagen, wenn wir uns mit „Tschüs“ verabschieden, sehr erhellend!

Jemanden Gott anzubefehlen, ist eine feine Art, sich zu verabschieden. Damit wird der Abschied nicht nur eine Sache zwischen zweien, sondern dreien. Und deshalb habe ich in Abraham nicht nur einen prominenten Leidens-, sondern auch Glaubensgenossen. An dem deutlich wird, dass Gott was mit uns vorhat, von dem wir Schritt für Schritt (und das ist wörtlich zu nehmen!) erfahren werden. Dass er sich sorgt um die, die gehen und die, die bleiben. Dass er seinen Segen gibt über Abbrüchen, Umbrüchen und Aufbrüchen. Über Abschieden und Neuanfängen.

So stehe ich also auf der Schwelle, blicke zurück auf das, was war und schaue dem entgegen, das kommt. Hoffentlich stehe ich da nicht alleine. Denn sich verabschieden und neu anfangen müssen in der nächsten Zeit alle, mit denen ich hier regelmäßig tolle Arbeit gemacht habe. Alle, die wir uns in den letzten zweieinhalb Jahren nah gekommen sind. Hoffentlich stehen sie alle auch hier und singen/sprechen/lesen für sich selbst, was Klaus Peter Hertzsch in den Achtzigern gedichtet hat:

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

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…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe.

Seit ich letzte Woche meine Berufungsurkunde in das Pfarrdienstverhältnis auf Probe erhalten habe (Start 01. November), ist amtlich, offiziell und unausweichlich, was mir schon seit zweieinhalb Jahren klar war: Mein Vikariat geht zu Ende. In zwei Wochen. Puh.
Das ist so ein Gefühl wie ein Blind Date – du hast ihn nie gesehen und Bilder können lügen, und auf einmal steht er vor dir und lacht und du kannst ihn umarmen und anfassen und riechen…und begreifen. So lange hast du darauf gewartet, auf diesen Moment. Zwei Wochen oder Jahre, oder neun Monate. Auf einmal ist er da, der Mann. Oder die Frau. Oder das Kind. Oder der Tag. Und du siehst ihn dir an, den Mann, die Frau, das Kind, den Tag. Und deine Gedanken sind ein einziges Staunen darüber, dass das hier gerade echt ist. Du fühlst dich unvorbereitet und weißt gleichzeitig, dass du nichts hättest tun können, um dich auf das hier vorzubereiten. Gar nichts.

Bald ist er da, der Tag. Der letzte als Vikarin.
Bald ist es da, das Ende.
Zwei Wochen. In Zahlen: 2. Ganz schön wenig.
14 Tage. In Worten: Vierzehn. Klingt nach mehr.

Klingt aber auch nach Abschied. Und Neuanfang!
Nach Abbruch, Aufbruch, Umbruch.
Nach auf der Schwelle Stehen, den einen Fuß noch im Haus („Ich bin doch noch da!“), den anderen schon auf der Straße („…ich bin dann mal weg!“).

Was denn jetzt?!?!

Ich denke an Abraham und bin froh, einen prominenten Leidensgenossen zu haben, der es mir vormacht. Das auf-der-Schwelle-Stehen. Und das Losgehen. Und das Vertrauen. Dass Gott den Ausgang und den Eingang segnet. Das Ende und den Anfang.

Aber bevor ich losgehe, bleibe ich noch ein bisschen auf der Schwelle stehen. Ich habe ja noch zwei Wochen Zeit. Die vierzehn Tage nutze ich, um alles einzusammeln, was ich für „da draußen“ brauchen kann: Feste Schuhe, Proviant, ein paar Erinnerungen. Ich packe zehn Dinge ein, die ich im Vikariat gelernt habe. Eins nach dem anderen. Davon wird hier zu lesen sein. Ab morgen.

P.S.: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Orten, Gebäuden, Situationen, Kontexten sind rein zufällig.
Na gut, nicht ganz. Denn manches, von dem ich schreiben werde, ist natürlich autobiographisch und dazu noch subjektiv. Manche Erlebnisse habe ich mir aber auch von Kolleg_innen geliehen und zu eigen gemacht. Und manches ist ganz bestimmt irgendwann irgendwem mal so oder so ähnlich passiert…was was ist, weiß ich manchmal auch nicht mehr so genau.

Die erste Jahreszeit

Ich mag den Herbst. Er ist zwar nicht meine Lieblingsjahreszeit, aber nach dem Winter immerhin auf dem zweiten Platz.

Im Herbst riecht die Luft hölzern.
Und das Licht zieht sich langsam zurück.
Nicht nur die Farben sind satt.
Und die Sonne verneigt sich.
Vor dem Anfang.
Und ich weiß dann wieder:
Eine bleibende Stadt haben wir hier nicht,
sondern wir sind auf der Suche nach der zukünftigen.

Eine Freundin hat mal eine schöne Zeile geschrieben: „Es ist doch erstaunlich, wie lang Schatten werden können, wenn der Herbst geboren wird.“ Treffender kann man es nicht sagen.