Ich brauche keine Kirche…?!

Ein Gespräch, vor einigen Jahren, beim Frisör.
Sie: „Und, was machen Sie so beruflich?“ – Ich: „Ich studiere Evangelische Theologie. Ich möchte Pfarrerin werden.“ – Sie: „Oh.“ (peinliches Schweigen)
Plötzlich: „Also ich glaube ja an Gott. Aber ich brauche dafür keine Kirche!“

Der weitere Gesprächsverlauf spielt hier erstmal keine Rolle. Auch nicht, wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelte. In den letzten Jahren haben viele Gespräche, die sich einfach so ergaben, so oder ähnlich begonnen. Immer wieder.

Für mich als Kind einer Landeskirche, die ich mittlerweile als Heimat bezeichnen würde (auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was sie bzw. ihre Repräsentanten so tun und sagen), musste ich erstmal verstehen lernen. Das scheint aber auch so ein Pfarrersding zu sein: „Glauben kann man nicht alleine. Das geht nur in Gemeinschaft, also in der Kirche“, predigte eine Kollegin immer wieder. Und ein anderer: „Immer diese Individualisierung. Die Leute heutzutage sind lieber allein und einsam als gemeinsam. Jeder will alles für sich allein haben und sein.“ Ja, natürlich wird da hauptsächlich mit DEM biblischen Text der ersten Christen (Apg 2) argumentiert und damit, was die ersten Christen so ausgemacht hat: Gebet, Abendmahl, Bibellese und GEMEINSCHAFT. Dem stimme ich zu. Theologisch und persönlich sogar. Aber ich denke, dass hinter der Trennung zwischen Glaube und Kirche noch etwas anderes steckt als bloß Individualisierungstendenzen. Wenn man mit Menschen über Kirche ins Gespräch kommt, dann ist man schnell bei dem, was sie sich von DER Kirche wünschen: Klartext reden, Meinung haben, Impulse geben…und so weiter. Man sucht nach Orientierung und wünscht sich vor allem Transparenz: Wie steht die Kirche zum Thema Sterbehilfe? Wann wird das Kirchensteuersystem endlich durchsichtig und nachvollziehbar (hier ein Versuch) bzw. wann warum gibt es das überhaupt noch? Was soll ich eigentlich glauben? Wie soll ich mich als Christ verhalten?

Dass es in der Evangelischen Kirche so ziemlich unmöglich ist, DIE Meinung DER Kirche zu diktieren oder unreflektiert nachzusagen, ist das eine. Dass offenbar aber zu viele unterschiedliche (theologische) Meinungen/Impulse/Ideen/
Vorstellungen kursieren und dass der Weg von Pluralität zu Beliebigkeit sehr kurz ist, ist das andere.

Wie kann es gehen, dass trotzdem Klartext geredet wird? Dass Entscheidungen, Prozesse, Veränderungen (egal auf welcher Ebene) transparent gemacht werden? Wie kann Menschen geholfen werden, Kirche für sich zu finden oder auch neu zu erfinden? Und wie kann der Gegensatz zwischen „Wir alle sind Kirche“ und „Kirche als Gegenüber“ angegangen werden?

Wann überwiegen die Positivschlagzeilen? Weniger von dem, was verunsichert oder bestätigt und mehr von dem, was reizt, interessiert, fasziniert und den eigenen Glauben fantasievoll anregt? Menschen, die Gesicht zeigen und Persönlichkeit und Spiritualität und Glauben und Zweifel? Es sollte mehr sein als „Ich bin gerne evangelisch“. Oder?!

Wer braucht hier eigentlich wen? Die Frage könnte sich dann erübrigen.