Nr. 7 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Wer nicht fragt, bleibt…dumm?!

Was die Sesamstraße schon lange weiß, kennt die jüdische Tradition schon viel länger: Wenn dein Kind dich morgen fragt…ja, was sagst du dann? Was wirst du ihm erzählen? Welche Antworten wirst du ihm geben? Wie wirst du von deinem Glauben sprechen? Was lernt es von dir?

Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens zu haben, spielt nicht nur zwischen Eltern und Kindern eine Rolle, sondern für mich ist das der Kern von Gemeindepädagogik. Bei Taufen benutze ich zum Beispiel gerne die Formulierung von Tauffragen aus der Nordkirche, in denen das gut zum Ausdruck kommt. Da lautet die Frage an die Gemeinde: „Wollt ihr dieses Kind in eure Mitte aufnehmen, es mit eurem Gebet begleiten und dazu helfen, dass es mit uns glauben, hoffen und lieben lernt…?“

Es ist spannend, reizvoll, herausfordernd und absolut lohnenswert, sich den Fragen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, Männern, Senioren und überhaupt allen zu stellen, die in keine Schublade passen. Hier ein kleines Sammelsurium aus den letzten zweieinhalb Jahren, unsortiert und willkürlich, denn eine Ordnung und Wertung steht mir nicht zu, und auf Vollständigkeit erhebe ich erst recht keinen Anspruch:

Was ist der Mensch?

Woher kommt das Böse?

Warum lässt Gott Leid zu?

Warum gibt es ein Altes und ein Neues Testament?

Warum werden evangelische Pfarrer_innen nicht geweiht?

Ist der Teufel ein gefallener Engel und ein Geschöpf Gottes?

Welche Verantwortung habe ich als Christ_in gegenüber der Welt?

Was passiert nach dem Tod? Sehen wir uns wieder?

Was geschieht mit meiner Kirchensteuer?

Glauben alle Menschen an den gleichen Gott?

Kann ich an den Urknall und an die Schöpfung gleichzeitig glauben?

Was ist Sünde?

Wann gibt es endlich Frieden?

Was passiert beim Beten?

Glauben Pfarrer_innen alles, was in der Bibel steht?

Wer hat eigentlich gesagt, dass Gott „Gott“ heißt?

Wer hat die Bibel geschrieben?

Wie tief muss ich fallen, um von Gottes Hand aufgefangen zu werden?

Warum gibt es an Weihnachten immer ein Krippenspiel?

Warum soll ich in den Gottesdienst gehen?

Durch welche Fragen wird diese Liste wohl in den nächsten Jahren ergänzt werden? Ich könnte ja jetzt schon mindestens bis übermorgen an ihr schreiben…! Anscheinend ist die Nachfrage an Antworten groß. Sehr groß! Also: Wer nicht fragt, bleibt dumm?! Ich würde es positiv formulieren: Wer fragt, bekommt ganz viel geschenkt. Das Ringen um die richtigen Worte und die Suche nach der passenden Antwort. Die jüdische Tradition macht es doch vor: Wer fragt, lernt. Glauben und Leben.

Auch dafür liebe ich meinen „Beruf“. 🙂

P.S.: Morgen geht’s genau hier weiter, und zwar mit der Nr. 8 von 10 und ein paar Gedanken zu denen, die hinter den Fragen und den Antworten stecken. Man liest sich!

Die erste Jahreszeit

Ich mag den Herbst. Er ist zwar nicht meine Lieblingsjahreszeit, aber nach dem Winter immerhin auf dem zweiten Platz.

Im Herbst riecht die Luft hölzern.
Und das Licht zieht sich langsam zurück.
Nicht nur die Farben sind satt.
Und die Sonne verneigt sich.
Vor dem Anfang.
Und ich weiß dann wieder:
Eine bleibende Stadt haben wir hier nicht,
sondern wir sind auf der Suche nach der zukünftigen.

Eine Freundin hat mal eine schöne Zeile geschrieben: „Es ist doch erstaunlich, wie lang Schatten werden können, wenn der Herbst geboren wird.“ Treffender kann man es nicht sagen.

Ich brauche keine Kirche…?!

Ein Gespräch, vor einigen Jahren, beim Frisör.
Sie: „Und, was machen Sie so beruflich?“ – Ich: „Ich studiere Evangelische Theologie. Ich möchte Pfarrerin werden.“ – Sie: „Oh.“ (peinliches Schweigen)
Plötzlich: „Also ich glaube ja an Gott. Aber ich brauche dafür keine Kirche!“

Der weitere Gesprächsverlauf spielt hier erstmal keine Rolle. Auch nicht, wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelte. In den letzten Jahren haben viele Gespräche, die sich einfach so ergaben, so oder ähnlich begonnen. Immer wieder.

Für mich als Kind einer Landeskirche, die ich mittlerweile als Heimat bezeichnen würde (auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was sie bzw. ihre Repräsentanten so tun und sagen), musste ich erstmal verstehen lernen. Das scheint aber auch so ein Pfarrersding zu sein: „Glauben kann man nicht alleine. Das geht nur in Gemeinschaft, also in der Kirche“, predigte eine Kollegin immer wieder. Und ein anderer: „Immer diese Individualisierung. Die Leute heutzutage sind lieber allein und einsam als gemeinsam. Jeder will alles für sich allein haben und sein.“ Ja, natürlich wird da hauptsächlich mit DEM biblischen Text der ersten Christen (Apg 2) argumentiert und damit, was die ersten Christen so ausgemacht hat: Gebet, Abendmahl, Bibellese und GEMEINSCHAFT. Dem stimme ich zu. Theologisch und persönlich sogar. Aber ich denke, dass hinter der Trennung zwischen Glaube und Kirche noch etwas anderes steckt als bloß Individualisierungstendenzen. Wenn man mit Menschen über Kirche ins Gespräch kommt, dann ist man schnell bei dem, was sie sich von DER Kirche wünschen: Klartext reden, Meinung haben, Impulse geben…und so weiter. Man sucht nach Orientierung und wünscht sich vor allem Transparenz: Wie steht die Kirche zum Thema Sterbehilfe? Wann wird das Kirchensteuersystem endlich durchsichtig und nachvollziehbar (hier ein Versuch) bzw. wann warum gibt es das überhaupt noch? Was soll ich eigentlich glauben? Wie soll ich mich als Christ verhalten?

Dass es in der Evangelischen Kirche so ziemlich unmöglich ist, DIE Meinung DER Kirche zu diktieren oder unreflektiert nachzusagen, ist das eine. Dass offenbar aber zu viele unterschiedliche (theologische) Meinungen/Impulse/Ideen/
Vorstellungen kursieren und dass der Weg von Pluralität zu Beliebigkeit sehr kurz ist, ist das andere.

Wie kann es gehen, dass trotzdem Klartext geredet wird? Dass Entscheidungen, Prozesse, Veränderungen (egal auf welcher Ebene) transparent gemacht werden? Wie kann Menschen geholfen werden, Kirche für sich zu finden oder auch neu zu erfinden? Und wie kann der Gegensatz zwischen „Wir alle sind Kirche“ und „Kirche als Gegenüber“ angegangen werden?

Wann überwiegen die Positivschlagzeilen? Weniger von dem, was verunsichert oder bestätigt und mehr von dem, was reizt, interessiert, fasziniert und den eigenen Glauben fantasievoll anregt? Menschen, die Gesicht zeigen und Persönlichkeit und Spiritualität und Glauben und Zweifel? Es sollte mehr sein als „Ich bin gerne evangelisch“. Oder?!

Wer braucht hier eigentlich wen? Die Frage könnte sich dann erübrigen.

Das wahre Leben

You don’t know what you got ‚til it’s gone.
Du weißt erst, was du hast, wenn es nicht mehr da ist.
Manchmal vergisst du, was du hattest, wenn es nicht mehr da ist.
Aus den Augen, aus dem Sinn.
Was war das nochmal, dieses Dings, dieses – wie heißt das nochmal?
Jetzt habe ich ein neues.
Ein neues Dings, nein, Dingsda heißt es.
Es passt noch nicht gut.
Muss mich noch dran gewöhnen.
Zum Glück ist es nicht für immer.
Nur für eine Weile.
Bis das alte wiederkommt.
Ach, das wäre schön… Komm zurück!
Wenn ich noch wüsste, wie du aussiehst, könnte ich nach dir Ausschau halten.
Jetzt muss ich mich finden lassen.
Und hoffen, dass du nicht vergessen hast, wer ich bin.

Wenn du wieder da bist, bleibst du hoffentlich für immer, oder?
Ich schicke dich so schnell nicht wieder weg.

You don’t know what you got ‚til it’s gone.
Du weißt erst, was du hast, wenn es nicht mehr da ist.
Zum Glück kommt es manchmal einfach wieder zu dir zurück.
Back to life, back to reality.
Zurück ins Leben. Ins wahre Leben.