Wie Kirche auch sein kann

Fresh X live erlebt. Wie Kirche auch sein kann.
Gedanken zum Buch von Pfr. Sebastian Baer-Henney

Es ist schon eine Weile her, dass ich in Gedanken meine Gedanken zu diesem Buch aufgeschrieben habe.
Es ist auch schon länger als eine Weile her, dass ich es gelesen habe.
Und noch viel länger ist es her, dass ich in diesem Blog etwas geschrieben habe.

Also: Es ist an der Zeit.

Inzwischen haben schon manche Andere das Buch gelesen.
Und inzwischen haben auch schon andere darüber geschrieben.
Mich beschäftigt es noch immer. Und immer wieder.
Deshalb hat es eine kleine persönliche Rezension verdient.

Also: Ich habe das Buch sehr gerne gelesen! Denn ich lese vor allem solche Bücher am liebsten, deren Geschichten vor meinem inneren Auge Bilder aufsteigen lassen, die sich dann in die Netzhaut fast einbrennen und sich dort für immer verewigen. Man könnte es auch Kopfkino nennen, aber ohne dass ich mir noch Szenen dazudenke. Die rund 150 Seiten des Mittel- bzw. Hauptteils, auf denen Sebastian Baer-Henney von den 30 Gemeinden erzählt, lesen sich wie ein Dokumentarfilm, der auf schlichte und deshalb eindrückliche Art und Weise ein Gesamtbild kirchlichen Lebens in Großbritannien zeichnet, dabei wohl dosiert Atmosphären einfängt und seinen Zuschauern resp. Lesern ausreichend Gelegenheiten bietet, sich das eine Mal direkt mit der Handkamera des „Journalisten“ ins Getümmel zu stürzen und ein ander Mal etwas abseits stehen zu bleiben und alles aus einer gesunden Distanz zu betrachten, die weit genug weg ist, um objektiv zu sein, und gleichzeitig nah genug dran, um auch noch einen subjektiven Eindruck zu bekommen.

Das Buch ist nämlich nicht nur ein Sachbuch über fresh expressions, es ist (vor allem, finde ich) auch ein Reisebericht über eine Reise durch Englands Kirchenlandschaft, und wenn einer so eine Reise tut, dann hat er hinterher nicht nur viel über die Kirchen, sondern auch manches über das Land zu erzählen. Und genau das hat mir so gut gefallen. Diese Mischung aus Sachbuch und Reisebericht. Denn immer wieder bin ich mit Sebastian Baer-Henney und seiner „Kamera“ unterwegs, fahre mit ihm zu Englands entlegendsten Gemeinden, die selbst google nicht kennt, trinke guten englischen Tee und esse dazu englische Kekse, staune über Entwicklungen, Biographien, über Mut und Realismus, über Londons Lebenstempo, das Fremde sich fühlen lässt wie ein Pausenzeichen und vor allem staune ich über Gottes Wirken in der Welt und darüber, wie eng Glaube und Vertrauen hier tatsächlich beieinander liegen: Immer wieder wird gebetet. Und immer wieder wird erzählt, wie viel gebetet wurde, als alles anfing.

Wie nebenbei lerne ich ganz viel über die fresh expressions of church. Was ich vorher schon aus der Theorie und sozusagen vom Hörensagen kannte, hat jetzt ein Gesicht bekommen und einen Namen. Und eine Geschichte dahinter. Das finde ich großartig. (Auch wer bisher noch nicht von fresh x gehört hat, kann das Buch genau so gut lesen und erfährt eine ganze Menge. Es ist ja, wie gesagt, auch ein Sachbuch. Eben eins, in dem der Autor immer wieder klarstellt, zusammenfasst, anmerkt und reflektiert und das in einem sehr ausgewogenen Verhältnis.)

Wer das Buch liest, wird die Sachinformationen ganz schnell mitkriegen. Deshalb werde ich dazu jetzt gar nicht mehr sagen. Lest es einfach selbst. Lasst euch mitnehmen in diese Welt, die eure sein könnte. Wer weiß, vielleicht schreibt ja mal jemand ein ähnliches Buch über Deutschland? Darüber, wie Kirche auch sein kann. Trifft die beymeister in Köln-Mülheim (zwischen vielen Zeilen lese ich genau das übrigens immer wieder heraus, aber natürlich lässt sich sowas im Nachhinein immer sehr einfach reinlesen) und viele andere Projekte und Menschen, die zeigen, was es braucht, damit Kirche auch anders sein kann: Gottvertrauen und Mut, eine „Alles-ist-möglich“-Haltung und „nicht genug“-Philosophie. Auf dem Weg dorthin warten Irr- und Umwege, Sackgassen und Kreuzungen, die Erfahrung, dass es gut tut, eine Weile nichts zu unternehmen und die Einsicht, dass es die „Kirche für alle“ nicht gibt und dass wir gerade deshalb ganz anders aufmerksam sein müssen.

Dieses Buch tut gut. Denn hinterher sieht man die eigene kleine Welt so, als hätte man sich die Brille geputzt. Oder sich endlich eine neue gekauft, für den scharfen Blick in die weite Landschaft Kirche.

Guck‘ mal, wer da spricht!

In meiner facebook-timeline tauchte in den letzten Tagen bestimmt siebenmal oder öfter dieser eine Artikel auf, immer wieder von anderen Personen geteilt: „Kirche verreckt an ihrer Sprache“. Ich habe ihn dann auch mal gelesen. Auch die Kommentare und Diskussionen, die drumherum so entstanden. Und habe das Gefühl, dass das Thema einen Nerv trifft: Derjenigen, die sowieso in die gleiche Kerbe schlagen („Habe ich doch immer schon gewusst! Und gesagt auch!“). Und derjenigen, die sich nicht angesprochen fühlen („Da kennt der mich aber nicht!“).

Keine Frage, auch mich hat das in letzter Zeit beschäftigt. Weil ich erst bis vor kurzem eine Ausbildung genossen habe, in der sehr viel Wert auf gute Predigt- und Gebetssprache gelegt wurde. Weil ich der Meinung bin, dass Authentizität beim Auftreten anfängt und spätestens dann aufhört, wenn mein Gegenüber den Mund aufmacht. (Der Volksmund mag die Augen ja für das Fenster der Seele halten. Dann ist die Sprache eine Tür. Das Tor zur Welt. Zum Du. Zum Wir.) Weil Rhetorik auch eine theologische Disziplin ist, sonst würde es nicht TheoLOGIE heißen. Weil es ohne Sprache keine Verkündigung gibt, kein Weitersagen einer Froh-Botschaft, kein Evangelium.

Aber ich frage mich allen Ernstes: Warum wird ein Artikel über einen subjektiven Negativ-Eindruck von Theologen- und Predigtsprech ÖFTER GETEILT als ein wirklich sprachlich und inhaltlich gelungenes Beispiel quasi „von nebenan“, nämlich die beeindruckende und anrührende Predigt von der westfälischen Präses Annette Kurschus anlässlich des Gottesdienstes zum Gedenken an die Opfer des Flugabsturzes?! (Wer sie bis jetzt nicht gelesen hat, tue es umgehend. Es lohnt sich!)

Und was ist das für ein Bild von Kirche, das offensichtlich dann entsteht, wenn Menschen bedauerlicherweise zu oft schlechter Sprache ausgesetzt sind? Zu viele langweilige Gottesdienste besucht haben? Es noch nie erlebten, dass SIE gemeint sind? Ich finde, da wird nochmal deutlich, dass Sprache nicht nur Tore öffnet, sondern auch Türen zuschlägt. Direkt vor der Nase. Nur wer versteht, gehört dazu. Nur wer die gleiche Sprache spricht, darf mitreden…

Gerade komme ich von einer Zusammenkunft von Pfarrer/innen, die sich einen Nachmittag lang Gedanken über die Zukunft ihrer Region gemacht haben, zumindest für die nächsten zehn Jahre. Wenn ich mir versuche auszumalen, in welche Richtung sich Pfarrbilder in dieser Zeit entwickeln werden, welchen Herausforderungen das Pfarramt entgegengeht oder -sieht, dann wird mir noch einmal mehr bewusst, wie sehr Sprache pfarrdienstliches HANDWERKSZEUG ist. Wenn Gemeinden zusammengelegt, Kirchen verkauft und Pfarrstellen abgebaut werden – die Sprache bleibt. Gottes Wort bleibt. Inmitten von sprachlichen (und nicht nur das!) Ungetümen wie Haushaltskonsolidierung und Verwaltungsstrukturreformen.

Kirche lebt durch das Wort. Lassen wir es leben!

Nr. 5 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Erst wenn du drin bist, weißt du, worauf du dich eingelassen hast.

Bei meiner Entscheidung für ein Theologiestudium mit dem Ziel Pfarramt spielten auf der einen Seite der Pfarrer, der mich getauft und konfirmiert hatte und auf der anderen Seite Erfahrungen in einer charismatischen Gemeinde in den Staaten eine Rolle. Beides sehr prägende Begegnungen mit Menschen. Aber wusste ich wirklich, worauf ich mich da einließ?

Beim Vorstellungsgespräch bei der Landeskirche fragte der Dezernent, wo ich mich denn in zehn Jahren als Pfarrerin sehen würde – im Nachhinein finde ich die Frage etwas merkwürdig, schließlich war ich erst im zweiten Semester oder so und gerade intensiv mit Griechisch-Vokabeln beschäftigt und mit dem Eindruck, dass Studieren doch ein bisschen so wie Schule ist, nur in freiwillig…aber gut. Er fragt diese Frage. Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich predige. Und ich taufe.“ Ja, was denn sonst?!, habe ich mir insgeheim gedacht. Womit sonst hätte ich die Bilder meiner beruflichen Zukunft malen sollen, wenn nicht mit Farben aus der Gegenwart? Der Dezernent war offensichtlich zufrieden und zitierte daraufhin noch eine Bibelstelle (an die ich mich nicht erinnere), die das seiner Meinung nach noch besonders gut deutlich machte. Und so machte ich hinter die Frage Bin ich hier eigentlich richtig? erstmal einen dicken Haken: Ja!

In den nächsten Jahren, in Studium und Praxis, habe ich versucht, meinem ursprünglichen Pfarrbild gerecht zu werden oder ihm zumindest näher zu kommen, es Wirklichkeit werden zu lassen. Es sollte doch kein Luftschloss sein?

Lange Rede, kurzer Sinn: Erst im Vikariat habe ich den richtigen Eindruck bekommen, worauf ich mich eingelassen habe. Habe erfahren, dass ich mit ganzer Begeisterung bei der Sache sein kann und es trotzdem Aufgaben oder Arbeitsbereiche gibt, bei denen ich sie nicht aufbringen kann. Weil mir das Talent fehlt oder die Ausbildung oder einfach nur die Erfahrung. Da hilft es nur wenig, mit meinen Aufgaben zu wachsen. An manches habe ich mich noch nicht gewöhnt. Zum Beispiel an die Langsamkeit, mit der die Mühlen bei Kirchens so mahlen; an sich im Kreis drehende Diskussionen; an fehlende Zielgerichtetheit, die entweder mit einer gewissen Selbstverliebtheit oder einfach nur Bequemlichkeit einhergeht („Ist doch alles schön!“); an Vorschriften, Regeln, Verbindlichkeiten, die angeblich total wichtig sind, aber an die sich dann doch keiner hält; an das Sitzfleisch der anderen; dass die Post der Landeskirche in einem Paralleluniversum zugestellt wird; dass meine Generation angeblich ganz ganz heiß begehrter Nachwuchs ist, meiner Meinung nach aber eine Willkommens-Kultur fehlt, damit wir es auch bleiben und und und. Soweit mein Eindruck.

Dazu habe ich viele Kolleg_innen kennengelernt, die keine Zeit haben (oder sie sich nicht nehmen?), z.B. über einen Predigttext nachzudenken. Die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihren Dienst bei einem Maximum, nämlich bei 100% zu halten. Ich habe Gemeinden kennengelernt, die viel sparen, aber wenig haushalten; die viel reduzieren, aber wenig konzentrieren. Und ich habe eine Kirche kennengelernt, die gegen den Trend wachsen will, aber faktisch immer kleiner wird – demographischer Wandel lässt grüßen! Das sind nur einige von den Dinge, die mich wieder und wieder haben fragen lassen: Bin ich hier richtig?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass heute, am Tag dieses Beitrags, die Ordinationstagung meiner Landeskirche stattfindet. Wo es unter anderem darum geht, wozu meine Kolleg_innen und ich uns demnächst berufen lassen werden: Die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Hätte mich damals schon jemand über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt – ich hätte mich wieder so entschieden. Hier bin ich richtig. Trotz allem und genau deswegen.

P.S.: Weil predigen und taufen nicht alles ist, schreibe ich beim nächsten Mal was zu Angebot und Nachfrage, dann in der Nr. 6 von 10… Man liest sich!

Nr. 3 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Zu Hause ist es immer am schönsten.

Wenn Kirchenmitglieder gefragt werden, wie verbunden sie sich der evangelischen Kirche fühlen (das hat z.B. die aktuelle Mitgliedschaftsstudie getan), fühlt sich knapp die Hälfte „sehr bis ziemlich verbunden“ und etwa ein Drittel „kaum bis überhaupt nicht verbunden“.

Ja, so ist es nun mal. Die „sehr bis ziemlich Verbundenen“, das sind doch die, die jeden Gottesdienst besuchen, bei jedem Gemeindefest hinter der Kuchentheke oder der Grillstation stehen und sich seit vielen Jahren in der Gemeindeleitung engagieren – manchmal trifft auch nur eins davon zu. Fragt man sie, wie verbunden sie sich der evangelischen Kirche fühlen, runzeln sie bestimmt die Stirn und wundern sich über diese seltsame Frage nach so etwas Offensichtlichem. Genauso gut hätte man sie fragen können, ob ihnen ihr Zuhause gefällt – für manche gibt es da keinen Unterschied.
Und die „kaum bis gar nicht Verbunden“, das sind doch diejenigen, die die andere Gruppe scherzhaft als „U-Boot-Christen“ bezeichnet (weil sie Weihnachten und Ostern auftauchen) – wobei ich mich frage, was daran lustig sein soll, aber das ist ein anderes Thema. Und die, die man gar nicht kennt, deren Name dir zum ersten Mal begegnet, wenn dir im Presbyterium die Liste mit den Kirchenaustritten im Presbyterium zur Kenntnisnahme vorgelegt wird…

Ob man wirklich vom Grad der Verbundenheit auf die christlich-religiöse Einstellung der Mitglieder schließen kann und umgekehrt, wage ich zu bezweifeln. Obwohl es in manchen Fällen sicherlich geht. Das ist auch nicht die Frage, die mich reizt. Spannend finde ich aber, dass ich „in echt“ oft schon einen Zusammenhang beobachtet habe zwischen dem Verbundenheits- und einem Zuhause-Gefühl. Die einen finden z.B. unsere beiden Kirchen „totaaal schön, da fühlt man sich richtig wooohl“ und sind froh, dass es da immer „so gemüüütlich“ ist. Damit meinen sie den Kirchraum mit seiner Architektur (im Gemeindezentrum integriert), Farbgebung und Material (roter Backstein) und die Atmosphäre, die Personen und Veranstaltungen schaffen (viele Möglichkeiten für Gespräch und Begegnung).
Die anderen, ja, die anderen…? Die fühlen sich in der Gemeinde wohl nicht so wohl. Vielleicht haben sie schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht haben sie andere Ansprüche. Vielleicht haben sie schon ein Zuhause, zu Hause nämlich.

Und dann gibt es ja noch die dritte Gruppe, die in der Studie und „in echt“ auftaucht, die „etwas Verbundenen“ nämlich, und das sind gar nicht mal so wenige, sondern jedes vierte Kirchenmitglied, also 25%. Wie das geht, „etwas“ mit Kirche verbunden zu sein?, fragen sich manche und bestätigen damit nur das Vorurteil, das ja anscheinend immer noch existiert, dass man in der Kirche entweder ganz oder gar nicht ist: „Wenn du den kleinen Finger reichst, nehmen die den ganzen Arm!“ – die einen finden sowas lustig, die anderen einfach nur abschreckend.

Ja, das geht, „etwas“ verbunden mit Kirche zu sein. Gezielt Veranstaltungen zu besuchen, sich aus einer Angebots- und Gottesdienstpalette herauszusuchen, was am besten passt und manchmal nicht das persönliche Interesse, sondern den biographischen Wendepunkt im eigenen Leben oder den des Kindes über die Wahl entscheiden zu lassen. Oder den persönlichen Geschmack, was Einrichtung angeht. Die Kirche, in der es dieses uralte Taufbecken und außerdem einen Mittelgang gibt, entspricht vielleicht nicht nur dem persönlichen, inneren Bild von Kirche, sondern auch dem eigenen, stilvollen Zuhause.

Zu Hause ist es immer am schönsten. Und manchmal ist die Kirche das erweiterte Wohnzimmer. Wo die einen sich schon eingerichtet und die anderen einen anderen Geschmack haben. Wo die einen die Gäste und die anderen die Gastgeber sind. Wo die einen möchten, dass man nichts anrührt („Das haben wir schon immer so gemacht!“) und die anderen auch nur irgendwo ihren Lieblingsplatz finden wollen. Wo die einen einladen und trotzdem nicht alle kommen.

Dass mich das sehr beschäftigt, muss ich wohl nicht noch extra sagen. Die Vikariatsgemeinde war für mich in den letzten zweieinhalb Jahren sowas wie ein Zuhause. Eins, das ich für eine sehr lange Zeit besucht habe. Denn ich war hier Gast und ich war es gern. In dieser Zeit habe ich andere Gäste kommen und gehen und bleiben sehen; die Haustür ging immer wieder auf und zu. Irgendwann durfte ich dann auch auf die Gastgeberseite, durfte einladen, empfangen, willkommen heißen. Und habe da gemerkt, wie sehr mir dieser Aufenthaltsort schon zu so etwas wie einem Zuhause geworden war. Wie schnell mir vertraut wurde, was mir erst fremd war. Wie schnell ich mich doch eingerichtet hatte in dem Geschmack der anderen.

Bald werde ich mich verabschieden und dann wieder ganz auf der anderen Seite der Haustür stehen. Da, wo ich schon mal stand, im April 2012, als ich hier angeklopft habe. Und dann werde ich in eine andere Richtung gehen. Mir ein neues sowas-wie-ein-Zuhause suchen. Und mich weiter mit diesen Fragen beschäftigen, egal wo ich sowas-wie-zu-Hause bin: Wann wird eine Gemeinde ein Zuhause? Wer ist eigentlich Gastgeber und wer Gast? Wer lädt überhaupt wen ein? Wer bestimmt die Einrichtung, wessen Geschmack zählt? Auf welche Art und Weise wird Besuch willkommen geheißen, und wie wird er verabschiedet? Darf ich hier auch auf eine Stippvisite vorbeikommen oder muss ich ein Jahresabo abschließen? Wer fühlt sich hier wohl und warum? Wem ist diese Gemeinde ein Zuhause und weshalb?

Ich glaube, dass das wichtige Fragen sind. Als (angehende) Pfarrerin gebe ich mich nicht zufrieden damit, wie es/die Welt/die Gemeinde gerade ist oder immer schon war. Inmitten von Sparzwängen („Jetzt kürzen die uns auch noch…“) und Angebotsdruck („Was sollen wir denn bloß anbieten, damit die Leute kommen?!“) helfen solche Fragen, um Betriebsblindheit und Elfenbeinturmdenken („Es ist doch alles schön, so wie es ist…“) vorzubeugen bzw. abzubauen und die Komfortzone zu verlassen.

Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief an seine Gemeinde in Ephesus: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Aposteln und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ (Eph 2,19-22)

Zu Hause ist es immer am schönsten. Aber was ist das, schön?!
Zu Hause ist es immer am schönsten. Aber was ist das, Zuhause?!

Ich werde mich das weiter fragen, werde suchen und finden und verwerfen und umdenken, denn das habe ich im Vikariat gelernt. Und ihr?

P.S.: Mit der Frage, wie sich dieses Zuhause eigentlich präsentiert, beschäftige ich mich beim nächsten Mal, also in der Nr. 4 von 10 Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe. Man liest sich!

P.P.S.: In unserem nächsten Gemeindebrief (ab Dezember hier zum Runterladen) wird es verschiedene Beiträge geben, die sich mit dem Thema Kirche und Zuhause beschäftigen; auch solche, die weiter oder in einem anderen Kontext denken: „…und sie fanden keine Herberge.“

Ich brauche keine Kirche…?!

Ein Gespräch, vor einigen Jahren, beim Frisör.
Sie: „Und, was machen Sie so beruflich?“ – Ich: „Ich studiere Evangelische Theologie. Ich möchte Pfarrerin werden.“ – Sie: „Oh.“ (peinliches Schweigen)
Plötzlich: „Also ich glaube ja an Gott. Aber ich brauche dafür keine Kirche!“

Der weitere Gesprächsverlauf spielt hier erstmal keine Rolle. Auch nicht, wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelte. In den letzten Jahren haben viele Gespräche, die sich einfach so ergaben, so oder ähnlich begonnen. Immer wieder.

Für mich als Kind einer Landeskirche, die ich mittlerweile als Heimat bezeichnen würde (auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was sie bzw. ihre Repräsentanten so tun und sagen), musste ich erstmal verstehen lernen. Das scheint aber auch so ein Pfarrersding zu sein: „Glauben kann man nicht alleine. Das geht nur in Gemeinschaft, also in der Kirche“, predigte eine Kollegin immer wieder. Und ein anderer: „Immer diese Individualisierung. Die Leute heutzutage sind lieber allein und einsam als gemeinsam. Jeder will alles für sich allein haben und sein.“ Ja, natürlich wird da hauptsächlich mit DEM biblischen Text der ersten Christen (Apg 2) argumentiert und damit, was die ersten Christen so ausgemacht hat: Gebet, Abendmahl, Bibellese und GEMEINSCHAFT. Dem stimme ich zu. Theologisch und persönlich sogar. Aber ich denke, dass hinter der Trennung zwischen Glaube und Kirche noch etwas anderes steckt als bloß Individualisierungstendenzen. Wenn man mit Menschen über Kirche ins Gespräch kommt, dann ist man schnell bei dem, was sie sich von DER Kirche wünschen: Klartext reden, Meinung haben, Impulse geben…und so weiter. Man sucht nach Orientierung und wünscht sich vor allem Transparenz: Wie steht die Kirche zum Thema Sterbehilfe? Wann wird das Kirchensteuersystem endlich durchsichtig und nachvollziehbar (hier ein Versuch) bzw. wann warum gibt es das überhaupt noch? Was soll ich eigentlich glauben? Wie soll ich mich als Christ verhalten?

Dass es in der Evangelischen Kirche so ziemlich unmöglich ist, DIE Meinung DER Kirche zu diktieren oder unreflektiert nachzusagen, ist das eine. Dass offenbar aber zu viele unterschiedliche (theologische) Meinungen/Impulse/Ideen/
Vorstellungen kursieren und dass der Weg von Pluralität zu Beliebigkeit sehr kurz ist, ist das andere.

Wie kann es gehen, dass trotzdem Klartext geredet wird? Dass Entscheidungen, Prozesse, Veränderungen (egal auf welcher Ebene) transparent gemacht werden? Wie kann Menschen geholfen werden, Kirche für sich zu finden oder auch neu zu erfinden? Und wie kann der Gegensatz zwischen „Wir alle sind Kirche“ und „Kirche als Gegenüber“ angegangen werden?

Wann überwiegen die Positivschlagzeilen? Weniger von dem, was verunsichert oder bestätigt und mehr von dem, was reizt, interessiert, fasziniert und den eigenen Glauben fantasievoll anregt? Menschen, die Gesicht zeigen und Persönlichkeit und Spiritualität und Glauben und Zweifel? Es sollte mehr sein als „Ich bin gerne evangelisch“. Oder?!

Wer braucht hier eigentlich wen? Die Frage könnte sich dann erübrigen.