Die Tradition, in der wir stehen

Predigt für den 13.04.2013 (Hebr 12,1-3)

Liebe Gemeinde,
I.
Palmsonntag, vor etwa 2.000 Jahren. Jerusalem steht Kopf. In den staubigen Gassen tummeln sich Große und Kleine, Alte und Junge, Neugierige und Misstrauische. Kinder spielen zu Füßen ihrer Eltern. Ein paar aufgeregte Frauen und Männer laufen noch durch die Gassen auf der Suche nach einem guten Platz. Davon gibt es nicht mehr viele. Denn die Menschen stehen dicht gedrängt, Schulter an Schulter. Als der Zug kommt, teilt sich die Menge, Menschen bewegen sich, bilden ein Spalier. Langsam schiebt sich die Bewegung die Straße herunter. Gereckte Hälse und verdrehte Köpfe wohin man sieht. Alle machen sich ein bisschen größer als sie sind, um einen möglichst direkten Blick auf den zu erhaschen, der da kommt.
Die Sonne brennt auf Jerusalem hinab. Auf die steigende Spannung und die klopfenden Herzen. Man könnte jetzt Hoffnung und Erwartung aus der Luft pflücken wie Äpfel vom Baum, wenn nur die Arme lang genug wären.

Und wir mittendrin. Stehen wir vorne in der ersten Reihe bei denen, die nie etwas verpassen? Oder lehnen uns an die kühle Hauswand, beobachteten das Treiben von Ferne und warteten geduldig? Auf den, der da kommt. Auf den, der endlich Frieden macht. Auf den, der endlich Erlösung bringt. Auf den, der die Welt verändern und unser Leben ein bisschen besser machen wird. Wir waren dabei, weil genug andere dabei waren, die davon erzählen. Bis heute.

II.
So sind und bleiben wir Teil der Geschichte, die uns erzählt wird. Wie in den alten Filme und Dokumentationen über die schönen und die schrecklichen Tage, an denen Geschichte geschrieben wurde – aber leider ohne uns. Wie wenn wir uns von Augenzeugen erzählen lassen, wie es damals war. Das Grauenhafte und das Wunderbare: Als Bomben fielen und die Mauer in Berlin. Wie wenn wir Eltern und Großeltern lauschen, wenn sie von Früher erzählen. Weil dann plötzlich das Wohnzimmer zum Schauplatz wird, weil wir dann mit Opa zusammen überleben und Arm in Arm mit Fremden Wind of Change singen. Weil wir ein Teil der Geschichte sind, die uns erzählt wird.

III.
Es ist gut, dass Menschen erzählen, was sie erlebt haben. Dass Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und dass die wichtigsten immer dann herausgeholt werden, wenn es ernst wird. So wie die Verfasser des Hebräerbriefs, in dem der Predigttext für heute steht. Ich lese aus dem 12. Kapitel:

1 Darum also auch wir, die wir eine so große Wolke von Zeugen haben, die uns umgibt, (und die wir) alles Beschwerliche abgelegt haben, auch die leicht bestrickende Sünde: Lasst uns den vor uns liegenden Wettkampf ausdauernd laufen, 2 indem wir vertrauend sehen auf den Begründer und Vollender des Glaubens, Jesus, der wegen der vor ihm liegende Freude das Kreuz aushielt und die Schmach missachtete; er hat sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt. 3 Denkt an den, der so viel Anfeindung gegen sich ausgehalten hat von den Sündern, damit ihr in euren Seelen nicht ermüdet und ermattet.

IV.
Wir haben eine solche Wolke von Zeugen um uns. In der wir uns umsehen. Wer ist denn überhaupt da? Die Empfänger des Briefes haben das noch genau im Ohr und vor Augen. Da hatte sich jemand nämlich die akribische Mühe gemacht, sie alle aufzuzählen: Abel, Henoch, Noah. Abraham, Sara, Isaak, Jakob, Josef. Mose, Rahab. Gideon, Barak, Simson, Jeftah. David, Samuel – und das sind nur die, die namentlich genannt werden. Bei all diesen Namen und Personen und Ereignissen, die dahinter stehen, kann einem ja fast schwindelig werden. Angesichts von so viel Größe und so viel Glauben. Ist das beängstigend oder beruhigend? Entscheiden wir uns doch für drei von ihnen, die uns an ihren Geschichten nochmal teilhaben lassen. Die wir ganz unverblümt fragen: „Was hast du mir zu erzählen?“

Was wir dann hören, übersteigt alles, wozu Herz und Verstand in der Lage sind: Dass einer wie Abraham, dessen letzte Tage eigentlich schon gezählt waren, nochmal ganz von vorne anfängt. Alle, wirklich alle Zelte abbricht und hinter sich lässt, was ihn und sein ganzes Leben ausgemacht hatte. Der dem Versprechen Gottes folgt. Mit der Ungewissheit, wohin die Reise geht. Und mit der Gewissheit, dass er selbst das Ziel nicht mehr erreichen wird. Was hat ihn getragen, ihm Hoffnung gegeben, ihn ermutigt, Schritt für Schritt weiterzugehen und sich und seine Familie dem heißen Wüstenwind und der Schutzlosigkeit auszusetzen?

Der nächste, Mose, erzählt, dass er es in Gottes Auftrag mit dem Mächtigsten der Mächtigen aufgenommen hat. Dass ihm Stein um Stein im Weg lag. Dass es mehr als genug Hinweise dafür gab, das ganze Unternehmen besser für gescheitert zu erklären. Weil mehr Menschen dabei ums Leben kamen als gerettet wurden. Er hat sie einmal quer über die halbe Welt gelotst. Hat sich immer wieder ihrem Kummer und ihrem Frust ausgesetzt und hatte doch selbst viel zu wenig Selbstvertrauen. Was hat ihn getragen, hat ihn ertragen lassen, zu wissen, dass er das alles nicht für sich, sondern für andere tut?

Die dritte, Rahab, hat ihr eigenes Leben und das ihrer Familie aufs Spiel gesetzt, um es am Ende zu gewinnen. Sie hat wildfremde Menschen bei sich aufgenommen und zwar die, die später Stadt und Land einnehmen werden und die versprechen, sie am Leben zu lassen. So wird sie zur Dissidentin. Gerade, als es für sie so ernst wird, dass es tatsächlich um Leben und Tod geht, bekennt sie sich zu Gott. Sie vertraut ihm ihr Leben an. Was hat ihr Hoffnung gegeben angesichts der Tatsache, dass ihre Stadt bald ein Schlachtfeld sein wird? Wie konnte sie sicher sein, wissen, gewiss sein, dass sie überlebt?

Diese drei sind nicht verzweifelt. Sie haben nicht aufgegeben. Sie haben darauf gebaut, dass Gott da ist. Weil sie fest glauben, dass er hält, was er versprochen hat. Und weil das stimmt.

V.
Und du, Mensch? Du sagst von dir selbst: Ich habe keinen starken Glauben, ich traue mich nicht zu bekennen wie Rahab, ich bin keine Führungspersönlichkeit wie Mose und vertraue auch nicht blind wie Abraham. Ich bin froh, wenn alles beim Alten bleibt. Wenn ich meinen Gewohnheiten nachkommen kann, immer am selben Wochentag, immer zur gleichen Uhrzeit. Alltag heißt doch All-tag, weil an allen Tagen das Gleiche passiert. Und wenn der Tag droht, zu anstrengend zu werden (und ich es mir leisten kann, weil keine Arbeit auf mich wartet), bleibe ich eben im Bett liegen. Im Liegen muss ich dem Leben am wenigsten Widerstand leisten. So bin ich vor bösen Überraschungen geschützt. Mensch, warum setzt du dir Scheuklappen auf und machst dich absichtlich blind? Warum lässt du freiwillig den Kopf hängen? Warum kämpfst du gegen dich selbst? Du kannst nur verlieren.

Hör auf das, was dir die erzählen, die vor dir waren: Es ist gut, dass Menschen an dem festgehalten haben, was Gott ihnen versprochen hat. Wer sonst könnte uns versichern, dass Gott mitgeht – wenn nicht die, die den ein- oder anderen ersten und zweiten und dritten und dreitausendvierundfünfzigsten Schritt mit Gott schon mal gegangen sind? Wer sonst könnte uns glauben lassen, dass Gott da ist – wenn nicht die, die aus Glauben an ihn ausgehalten haben, was es auszuhalten galt. Abraham, Mose, Rahab, und all die anderen, die namentlich genannt werden; auch die, die namenlos bleiben; und die, die in derselben Straße wohnen wie du. Schau dich um, entdecke Menschen, die starke Geschichten von ihrem stärkenden Glauben erzählen können. Hör sie sagen und beten: Ich kenne den Weg nicht, aber ich weiß, dass du ihn mit mir gehst, Gott. Du gibst mich nicht auf. Denn du hast mir ein Land und eine Zeit versprochen, wo alles anders sein wird als es jetzt ist.

Du wirst nicht müde werden. Du wirst es aushalten. Weil Gott da ist.

VI.
Gott ist da. In Jesus Christus wird die wohl schrecklichste und zugleich schönste Geschichte Wirklichkeit. Die Kreuzung zwischen Himmel und Erde und Gott und Mensch wird wirkliche Geschichte. So echt, dass einem im einen Moment die Haare zu Berge stehen und im anderen sich die Mundwinkel zu einem Lächeln erheben. So wie jetzt, heute, hier. Sonne und Menschen lachen um die Wette, bekommen nicht genug vom Leben, das endlich wieder blüht. Und halten doch noch einmal inne. Denn es ist noch nicht alles gut. Und es ist noch nicht zu Ende. Da kommt einer, der erst alle Hoffnung und dann ein Holzkreuz tragen wird. Den man erst mehr als willkommen heißt und dann fallen lässt. Der selbst verlassen wird und sich trotzdem verlässt. Darauf, dass Gott Wort hält. Und dass das Leben das letzte Wort hat über dem Tod.

Weil Jesus für uns ausgehalten hat, was Tod und Leben von ihm verlangten, sind wir ein Teil davon. Deshalb braucht es gar nicht viel, um wirken zu lassen und wirklich werden zu lassen, was die Verfasser des Hebräerbriefs wünschen: Lasst uns ausdauernd leben, den Blick auf Jesus gerichtet, auf dem unser Glaube gründet und an dessen Glauben wir uns ein Beispiel nehmen. Lasst uns ausdauernd leben, den Blick auf die Zukunft gerichtet, die Gott uns versprochen hat.

VII.
Palmsonntag 2014. Da tummeln sich Große und Kleine, Alte und Junge, Neugierige und Misstrauische. Da sammeln sich Vorbilder und Nachmacher. Da stehen die Sehnsüchtigen neben den Abgeklärten. Da warten die Hoffnungsvollen mit den Mutlosen. Da sind die Hartgesottenen, die immer in der ersten Reihe stehen. Da sind die, die lieber mittendrin sind statt nur dabei. Und da sind die, die das Treiben lieber aus einer geistigen und körperlichen Distanz beobachten.

Und ich. Gespannt und voller Ungeduld warte ich auf den, der da kommt. Inmitten von Menschen, die vor Freude gleich platzen und solchen, deren grundsätzliches Misstrauen ihnen schon tiefe Falten in ihr mürrisches Gesicht gegraben hat. Eins ist klar: Aufstehen hat sich gelohnt, egal was gleich passiert. Denn ich ahne schon: Hinterher wird alles anders sein als vorher.

So stehe ich da. Unsicher? Gefasst?
Immerhin erhobenen Hauptes.
Mit offenen Augen.
Schulter an Schulter mit Menschen, die mir näher sind als mein Arm lang ist. Die mir was erzählen, direkt ins Ohr und weiter in mein Herz.
Von Gott.
Was ich höre, lässt mich schmunzeln und staunen.
Erschreckt mich und lässt mich wieder aufatmen.
Er kommt. Ich schaue auf Jesus und sehe das Kreuz.
Ich lache und weine und leide und lebe mit.
Ich bange und hoffe.
Und ich glaube.
Amen.