Über den Wolken

Predigt für den 27.04.2014 (Jes 40,26-31)

Liebe Gemeinde,

I. Weit weg
manchmal ist Ostern ist weit weg. Gerade vor einer Woche erst haben wir es gefeiert, und gerade in der Lesung haben wir noch gehört, wie Jesus seinen Jüngern erscheint und wir er Thomas begegnet. Trotzdem: Manchmal ist Ostern weit weg. Das Bild von den Jüngern, denen Jesus sich zeigt, bleibt blass. Vielleicht haben Sie es auch so gehört und gesehen. Wie ein Stummfilm ist es innerhalb kürzester Zeit und wenigen Einstellungen erzählt: Jünger sitzen ängstlich und ratlos beisammen – Jesus erscheint – er sagt „Friede sei mit euch“– die Jünger sind froh.

Zweidimensional auch die Szene mit Thomas. Als wäre ein Team von unprofessionellen Journalisten dabei gewesen, das die Begegnung in einer einzigen Kameraeinstellung (der Totalen, denn da gibt es keine Nahaufnahmen) abfilmt und dann sendet.

So erzählt es der Film der biblischen Geschichte. Ostern als Information. Ostern als Dokumentation. Weit weg. Sachlich und nüchtern. Und so schaltet der eine oder die andere ernüchtert und gelangweilt um. Sucht weiter. Zappt sich durch die Kanäle und findet doch nichts. Ostern ist weit weg.

II. Predigttext
Wo ist das Heil, das uns verheißen ist? Wo ist der neue Anfang, den Gott versprochen hat? Wo ist das Leben geblieben? So fragen (auch) die, an die sich der Predigttext für heute richtet. Die, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Die die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich an ihrer Situation noch etwas ändert. Und die der Meinung sind, dass ihre Ausweglosigkeit der Beweis für die Unterlegenheit Gottes ist. Die sich auf Gott verlassen haben und meinen, von ihm verlassen worden zu sein. Ihre Klagelieder sind so laut geworden, dass sie die tröstenden Worte, die Gott durch den Propheten Jesaja verkünden lässt, kaum hören.

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

III. Von Klageliedern und Sehnsuchtsmelodien
Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber, so sangen sie damals vor vielen tausend Jahren ihr Klagelied. Heute hören wir hier und da die Fortsetzung und ab und zu stimmen wir auch selbst ein. In den Gesang der Schwarzmaler: Alles ist schlechter geworden. Jeder lebt für sich. Keiner kümmert sich um mich. Ich bin nicht wichtig. In den Gesang der Angstmacher: Wo sind wir schon sicher? Was ist denn noch sicher? In den Gesang der Erschöpften: Woher soll ich noch Kraft nehmen für den nächsten Tag? Ich fühle mich ausgelaugt und überfordert. Es ist mir alles zu viel.
So klingen die Klagelieder heute und die, die sie singen, tasten mit ihren Händen nach Halt, aber sie finden ihn nicht und so reiben sie sich immer wieder die müden Gesichter.

Eine Woche nach Ostern. Ach, wären wir nur dabei gewesen! Dann würden wir jetzt viel eher…! Ach, könnten wir nur…! Ach, würden wir nur…! Die Liste der Konjunktive ist lang. Und sie wird immer länger, denn in der Szene mit Jesus und den Jüngern und der Begegnung zwischen Jesus und Thomas nehmen wir doch aus den Augenwinkeln etwas wahr – da können sie noch so stumm und zweidimensional sein. Da wird etwas angesprochen, etwas gekitzelt, etwas geweckt: Sehnsucht. Nach einer besseren Welt ohne Schmerz, Leid und Tod. Sehnsucht nach einem Neuanfang. Nach einem Wunder. Nach Frieden.

So werden die Klagelieder zu Sehnsuchtsmelodien (und manchmal kann man das eine nicht vom anderen unterscheiden), die man hier und da summen und singen hört: Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Dort wäre ich frei von Sorgen, von Ballast, von allem, was mir das Leben so schwer macht. Ich wäre frei von Schmerzen.
Ich würde viel lachen und wäre meines Lebens wieder froh.
Mir wäre es leicht ums Herz. Das wäre schön.
Ich hätte etwas Kraft für die nächsten Schritte. Das wäre gut.

So singen und summen sie ihre Lieder und Melodien, Tag für Tag. Manchmal reicht die Kraft mit diesem Lied auf den Lippen dann wieder bis morgen. Manchmal wird die ein- oder andere Sorge dadurch kleiner gesummt. Aber die Zweifel bleiben: Wie lange noch? Wo bist du, Gott? So wie die fragten, die viele tausend Jahre vor uns ihre Lieder sangen. Wie lange noch? Wo bist du, Gott?

IV. Der Weckruf
Im Chor der Klagenden und Sehnsüchtigen singt auch ein Solist, und zwar singt er den Kontrapunkt. Also einer, der seine Stimme erhebt gegen die Klagelieder und Sehnsuchtsmelodien dieser Welt, der Note für Note gegen sie ansingt, geradewegs in die matten Gesichter: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Eine Stimme singt es immer wieder, schüttelt die schlaffen Schultern: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Sie singt weiter und immer weiter und weckt die Müden: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

So klingt der Jahrtausende alte Weckruf: Du musst dich doch nur umsehen. Wer hat das alles wohl geschaffen, also auch dich? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Er ist allen Mächten dieser Welt überlegen. Er wird nicht müde und nicht matt. Alles, was du siehst, beweist, dass Gott dich nicht im Stich lässt. Du verdankst dich nicht dir selbst. Sondern ihm. Also hör auf, dich um dich selbst zu drehen. Er ist der Schöpfer, der mit dem kleinen Finger mehr schafft als alle Hände dieser Welt zusammen. Er ist der Lebendige, der über den Tod triumphiert.

So wird er stetig und unermüdlich gesungen. Bis ihn auch das letzte müde Ohr gehört und das letzte matte Herz vernommen hat. Vielleicht haben Sie ihn auch schon gehört. Wie haben Sie ihn gehört? Leise und sanft wie Vogelgezwitscher am Morgen, oder schrill und penetrant wie der Ton des Weckers. Oder ganz anders, weil es dazwischen so viel gibt, wie er gehört werden kann. Weil da so viele Zwischentöne sind, die der eine hört und die andere nicht. So viele Zwischentöne, die den Weckruf erst zu einem Lied machen. Weil die, die ihn hören, in die Pausen ihre eigenen Töne hineinsingen und -summen. Die schrägen und die sauberen. Die hohen und die tiefen.

V. Von Spinnweben und Höhenflügen
Und dann gewinnt auch die Osterszene, die als simpler Stummfilm erzählt wird, Farbe und Klang. Und die zweidimensionale Begegnung zwischen Jesus und Thomas bekommt räumliche Tiefe. Da ist dann Raum für das, was nicht erzählt wird. Für das, was zwischen den Zeilen steht. Und was nur unbewusst wahrgenommen wird. In der Psychologie heißt das Schlüsselreiz: Ich nehme z.B. einen Klang oder einen Duft wahr und mein Körper reagiert darauf instinktiv, z.B. mit Hunger oder Durst oder mit Erinnerungen oder Gefühlen, mit Unwohlsein oder Wohlbefinden. Oder eben – wie bei den Szenen zwischen Jesus und den Jüngern und Jesus und Thomas – mit Sehnsucht. Nach einem Neuanfang. Nach Glauben, ohne gesehen zu haben. Nach Frieden. Nach Freiheit. Da oben, über den Wolken.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln. Die auf den Herrn harren, bleiben dran. Weil ihre Sehnsucht so groß ist. Sie zappen nicht weiter und schalten auch nicht ab. Sie bleiben dran.
Eigentlich wird man vom Harren ja steif und ungelenkig. Und was zu lange herumsteht, bekommt Spinnweben. Spätestens jetzt wird es interessant: Das Wort, das im Hebräischen Text für harren steht, das ist verwandt mit dem arabischen Wort für Spinnweben oder Weberaum. Die auf den Herrn harren, das sind also die, die ihm auflauern. Die dabei die Fäden weiterspinnen, die andere schon vor ihnen gesponnen haben. Und die eigene hineinweben. Bis ein dichtes Netz daraus wird, das bereit ist, ausgeworfen zu werden, um zu fangen, was es zu bewahren gilt. Vielleicht wird dieses Netz einmal so dicht, dass selbst der leiseste Windhauch es aufpustet dich empor trägt, immer weiter nach oben, über die Wolken, wo die Freiheit grenzenlos ist und wo es Friede gibt in Fülle.

Vielleicht ist das aber auch nur ein Wunsch.
Während du so nach oben siehst, setzt du einen Fuß vor den anderen.
Denn du bleibst mit beiden Beinen auf dem Boden.
Du wirst gehen und nicht matt werden.
Du wirst laufen und nicht müde werden.
Amen.