Meine Pfarrbildgalerie

Lieber noch als ins Museum gehe ich in den Zoo oder ins Kino. Und wahrscheinlich bin ich auch kein typischer Museumsbesucher. Denn die meisten Bilder erzählen für mich keine Geschichte(n), sondern etwas über mein Leben. Natürlich sehe ich mir auch gerne die van Goghs und Picassos dieser Welt an, aber die wirklich spannenden Bilder sind meiner Meinung nach eben jene, nach deren Betrachtung ich mein Stück Wirklichkeit mit anderen Augen sehe.

Lieber noch als in den Zoo oder ins Kino gehe ich in Kirchen. Gemeinden. Auch da gibt es herrlich viele Bilder zu sehen, Pfarrbilder nennt man sie dort. Der Eintritt ist immer frei und die Ausstellung eine dauerhafte. Lebenslänglich sozusagen, und sogar darüber hinaus.

Ich nehme euch mal mit auf einen virtuellen Rundgang und zeige euch meine beiden Lieblinge. Das sind nicht die, die mir am besten gefallen, sondern vielmehr die Pfarrbilder, die ich bisher am häufigsten „in echt“ gesehen habe und die mich geprägt haben.

Das erste Bild ist das Pfarrbild meiner Kindheit, also meiner Studienzeit, in der ich meine ersten Schritte Richtung pastorale Vorbilder gemacht habe. Die Farben erinnern mich an eine Zeit, in der Pfarrer noch Hirten und Herden überschaubar waren. Sieht so Nostalgie aus? Ich entdecke auch viel Gegenwärtiges in dem Bild: Kolleg_innen, die einfach für alles zuständig sind. Manche von ihnen gezwungenermaßen, andere freiwillig. Ich sehe da auch solche, die in der Kirche hauptsächlich die Erweiterung ihres Pfarrhauses bzw. Wohnzimmers bzw. Hobbykellers sehen. Solche, die nach ihrer Pensionierung die ohnehin schon großen Fußstapfen nur noch vergrößern.

Manches an diesem Bild missfällt mir so sehr, dass ich am liebsten gleich weiter gehen möchte. Und dann bleibe ich doch noch eine Weile stehen. Bis ich Schönheit darin entdecke. Ich sehe Verbindlichkeit und Kontinuität in persönlichen Beziehungen und Biographien. Und viele zufriedene Menschen. Zum Beispiel die Taufeltern, die sich gewünscht hatten, dass ich auch das zweite Kind taufe.

…und weiter geht es, den Gang entlang, geradewegs zu dem Bild, das hinten links hängt. Die anderen Bilder beachte ich gerade gar nicht. Jetzt bin ich da. Es ist ein buntes Bild. Wieder warme Farben, diesmal allerdings in einer weitaus breiteren Palette. Kaum eine Farbe des Regenbogens, die hier nicht zu sehen ist. Kaum ein Mensch, der sich nicht in diesem Bild wiederfände. Ich sehe Menschen, die zusammen sitzen, lachen, beten, essen. Es sind so viele, dass man ihre Gesichter gar nicht genau erkennen kann. Und trotzdem entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ganz vorne ein freundliches Gesicht und eine freundliche Geste. Eine freundliche Pfarrerin. Freundlich ist auch der Titel: Einladend. Hier muss ich mich immer wundern. Denn das hat was von performativem Gemeindeaufbau – falls es den überhaupt gibt: Was gesagt ist, wird Wirklichkeit. Jetzt weiß ich auch, warum sich bei mir bei diesem Bild manchmal Überforderung ins Wohlsein mischt. Ich bin mir noch nicht so sicher, ob es mir so wirklich gefällt. Und ob ich als Pfarrerin wirklich Nachbarin sein möchte…

Im Museumsshop blättere ich nach jedem Besuch im Ausstellungskatalog, weil ich es einfach nicht schaffe, so viel Konzentration für so viele Bilder aufzubringen. Deshalb lese ich mir hier immer wieder die Titel durch: Führungskraft. Netzwerker. Freundin. Manager. Botschafterin. Evangelist. Und wie sie alle heißen. Viele haben gar keinen Titel, lassen sich nicht festlegen. Was es mir nicht gerade leichter macht. Nicht unter allen kann ich mir etwas vorstellen und nur wenige finde ich für mich passend. Manchmal habe ich das Gefühl, den Wald vor lauter Bäumen und mich selbst vor lauter Bildern und Erwartungen, Ansprüchen und Wünschen nicht zu sehen.

Deshalb sollte ich langsam mal raus hier! Ich lege den Katalog beiseite, stoße die schwere Glastür auf und stehe auf einmal wieder im echten Leben. Kalte Winterluft begrüßt mich wie eine alte Freundin, die mich immer wieder zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Ich merke, dass ich auf die Frage, wie Pfarrdienst geht und welche Art von Pfarrerin ich sein will, noch keine Antwort habe. Ich merke auch, dass ich froh bin, den Pinsel für „mein Pfarrbild“ selbst in die Hand nehmen zu müssen. Das gehört vielleicht einfach zu den Herausforderungen meiner Generation. Ich bin jedenfalls gespannt, was da entstehen wird!

Pfarrdienst, wie geht das?

So manche Berufsbezeichnung hat ihre sprachlichen Tücken:
„Ich bin Vikarin.“ – „Welche Karin?“

Ich gebe zu: Das ein oder andere Mal habe ich mir gewünscht, ich wäre einfach Architektin oder Lehrerin geworden. Das hätten auf Anhieb alle verstanden und sich sogar noch etwas darunter vorstellen können. Als Pfarrerin sollte sich das ändern. Dachte ich. Und dann waren die Erstklässler der felsenfesten Überzeugung, dass man für diesen Beruf auf jeden Fall einen Führerschein braucht und sehr viel in großen Autos oder Bussen unterwegs ist – was zum Teil ja sogar stimmt, aber es lag doch wohl eher daran, dass man hierzulande das P im Pf eher verschludert… Okay, das zählt nicht.

Inzwischen bin ich also Pfarrerin. Und ja, es hat sich etwas verändert. Nicht nur, dass sich unter dem Pfarrberuf die meisten Menschen etwas vorstellen können und Fragen wie „…und was macht man da so?“ meistens ausbleiben.

Stattdessen stehe ich vor anderen Herausforderungen. Zum Beispiel dieser: Pfarrerin zu sein.
Denn so schön es doch ist, meinen Beruf nicht erklären zu müssen, so zahlreich sind doch die Fragen und Erwartungen an ihn. Ich suche und sammle regelmäßig Antworten auf die Frage, wie das eigentlich geht, Pfarrerin zu sein. Was es heißt, was es bedeutet, was es mit der Person macht (also mir!), die dieses Amt bekleidet, d.h. im wahrsten Sinne angezogen hat.
Und das, obwohl sich rein äußerlich nichts verändert hat: Talar und Beffchen sind noch die gleichen, und ich darf all das, was ich auch vorher schon durfte. Nur jetzt mit eigenem Auftrag. Manche Kolleg_innen versuchen auf eigene Art und Weise, das Unsichtbare sichtbar zu machen und tragen seit dem Pfarrdienstbeginn z.B. eine neue Brille oder Frisur, was für mich aus unterschiedlichen Gründen aber nicht in Frage kam.

Ich lasse also das Unsichtbare unsichtbar und merke trotzdem, dass sich etwas verändert. Vielleicht wird ja von selbst etwas sichtbar. Manchmal meine ich, es im Spiegel zu erkennen… Diese Veränderungen kann man nicht anziehen. Man kann sich nicht damit schmücken oder schminken. Sie kommen im Gespräch, in Begegnungen mit Menschen, die immer wieder fragen: „Warum sind Sie Pfarrerin geworden? Was gefällt Ihnen besonders an diesem Beruf?“ Ich treffe Menschen, und ich treffe auf Meinungen, Erwartungen, Vorurteile, Neugier, Fragen und ein ganzes Museum voller Pfarrbilder. Da kann ich mich umgucken, dem Audioguide zuhören (der mich an ausgewählten Bildern vorbeischickt) und mich mit den entsprechenden Künstler_innen unterhalten. Interessant ist das auf jeden Fall! Aber wenn ich nach Hause gehe, habe ich immer noch keine Antworten.

Pfarrdienst, wie geht das?

In der Predigt, die ich heute gehört habe, ging es darum, Dinge geschehen zu lassen. Nicht alles selber tun zu wollen, sondern vertrauen, dass Gott wirkt. Ich bin sehr gespannt auf meine ersten Amtsjahre, in denen ich einerseits dem ein oder anderen Pfarrbild entsprechen werde, in denen ich andererseits selber aussuche, welches Pfarrbild zu mir passt, und in denen ich immer wieder erlebe, dass Pfarrdienst auch heißt, Gott wirken zu lassen.

Trotzdem werde ich mich in der nächsten Zeit viel mit dieser Frage beschäftigen, wie Pfarrdienst geht, was es für mich bedeutet und was für eine Pfarrerin ich bin oder sein will. Ich werde mir einige Pfarrbilder von ganz nah oder mit viel Abstand ansehen und werde viel nachdenken, reden und natürlich hier schreiben.

Gnade verpflichtet

Predigt für den 11. Januar 2015 über Röm 12,1-8

Liebe Gemeinde,

woran erkennt man eigentlich einen Christen? Im Straßenverkehr meistens an dem Fischaufkleber rechts vom Nummernschild, und auf evangelischen Autos klebt direkt daneben: „Ich bremse auch für Katholiken“.
So viel Wahrheit in einem Witz.
So viel Identität in einem Aufkleber.

Nach den Ereignissen der letzten Woche mag es Zufall oder Absicht sein, dass diese Predigt mit einem Witz beginnt (und noch nicht mal mit einem besonders guten, denn es gibt weitaus bessere und klügere und witzigere christliche Witze). Nach den Ereignissen der letzten Woche wissen wir – wieder einmal, dass es Menschen gibt, die Humor und Religion zusammen nicht aushalten können und die niemals über sich selbst, geschweige denn Gott lachen könnten und es auch nicht ertragen, wenn andere es tun. Dass da zweidimensionale Worte und Zeichnungen lebendig werden, zu Angriffen auf die eigene Identität, dass sie verletzen, beschämen und Gott lästern – angeblich. Weil so viel Wahrheit in einem Witz steckt und so viel Identität in einem Glauben und nicht immer das eine vom anderen getrennt wird.

Die Frage, woran man einen Christen erkennt – auch und gerade, wenn sie nicht Teil eines Witzes ist – stellt sich heute mehr denn je. Sie drängt sich auf in diesen Tagen, in denen die Eindrücke der Jahresrückblicke, die uns Funk- und Fernsehkanäle auf Ohren und Augen drückten, noch ganz frisch sind. Die Frage drängt sich auf, wenn wir die Bilder vor unserem inneren Auge vorüberziehen lassen, die die Meldungen des letzten und dieses ganz jungen Jahres mit sich brachten:

Menschenrechtsverletzungen.
Unterdrückung.
Flucht. Flüchtlinge. Männer und Frauen und Alte und Kinder. Menschen, die alles zurücklassen, um nichts zu gewinnen.
Terror und Hass.
Grausamkeiten.
Hinrichtungen.
Krieg im Namen Gottes.
Und Proteste.
Immer wieder Proteste.

Und immer wieder die Frage: Wie verhalte ich mich als Christ dazu? Was wird von mir erwartet? Wozu bin ich verpflichtet? Was soll ich sagen? Was soll ich meinen? Was soll ich tun?
In diesen Tagen drängt sich die Frage nach umfassender Identität auf. Christsein will erkennbar sein. Sichtbar. Hörbar.

Dieses Bedürfnis ist so alt wie das Christentum selbst. Und noch älter.
Es beschäftigte die ersten Christen, die als zwei oder drei in Jesu Namen zusammen kamen.
Die, die sich heute in Gottes Namen versammeln.
Die Christen in den Wohnzimmerkirchen und den Kathedralen.
Auf der Straße und in Krankenhäusern, in Gefängnissen und Kindergärten.
Woran erkennt man einen Christen?

In einem alten Brief, vor fast zweitausend Jahren an Christen in Rom geschrieben, steckt eine umfassende Antwort. Und darin ganz viel Gutes und Wichtiges, wie ein kleines Glaubensbekenntnis, als Appell an alle Christen geschrieben. An die in Rom. Und die in New York und Sri Lanka, in London und Paris, in Berlin, Düsseldorf, Willich und in Neersen.

Ich lese aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer, aus dem 12. Kapitel in der Neuen Genfer Übersetzung: 1 Ich habe euch vor Augen geführt, Geschwister, wie groß Gottes Erbarmen ist. Die einzige angemessene Antwort darauf ist die, dass ihr euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung stellt und euch ihm als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt, an dem er Freude hat. Das ist der wahre Gottesdienst, und dazu fordere ich euch auf. 2 Richtet euch nicht länger nach ´den Maßstäben` dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist.
3
Ich rufe daher aufgrund der Vollmacht, die Gott mir in seiner Gnade gegeben hat, jeden Einzelnen von euch zu nüchterner Selbsteinschätzung auf. Keiner soll mehr von sich halten, als angemessen ist. Maßstab für die richtige Selbsteinschätzung ist der Glaube, den Gott jedem in einem bestimmten Maß zugeteilt hat.
4
Es ist wie bei unserem Körper: Er besteht aus vielen Körperteilen, die einen einzigen Leib bilden und von denen doch jeder seine besondere Aufgabe hat. 5 Genauso sind wir alle – wie viele ´und wie unterschiedlich` wir auch sein mögen – durch unsere Verbindung mit Christus ein Leib, und wie die Glieder unseres Körpers sind wir einer auf den anderen angewiesen. 6 Denn die Gaben, die Gott uns in seiner Gnade geschenkt hat, sind verschieden. Wenn jemand die Gabe des prophetischen Redens hat, ist es seine Aufgabe, sie in Übereinstimmung mit dem Glauben zu gebrauchen.
7
Wenn jemand die Gabe hat, einen praktischen Dienst auszuüben, soll er diese Gabe einsetzen. Wenn jemand die Gabe des Lehrens hat, ist es seine Aufgabe, zu lehren. 8 Wenn jemand die Gabe der Seelsorge hat, soll er anderen seelsorgerlich helfen. Wer andere materiell unterstützt, soll es uneigennützig tun. Wer für andere Verantwortung trägt, soll es nicht an der nötigen Hingabe fehlen lassen. Wer sich um die kümmert, die in Not sind, soll es mit fröhlichem Herzen tun.

Alte Worte. So alt wie das Christentum selbst. Und heute besonders wichtig, weil die Fragen dringend sind. Woran erkennt man mich als Christen? Wodurch wird Zugehörigkeit sichtbar? Und wie viel Abgrenzung darf sein?

Paulus hat darauf wie fast immer eine sehr umfassende Antwort. Große Worte werden da genannt: Vom wahren Gottesdienst ist die Rede, vom sich-Gott-zur-Verfügung-Stellen, von der richtigen Selbsteinschätzung und dem angemessenen Umgang mit den eigenen Gaben. Nicht alle dieser Worte erklären sich von selbst. Manche erklären oder ergänzen einander und andere brauchen noch ein bisschen mehr Erklärung. Oder Differenzierung. Denn bei Paulus hängt irgendwie oft alles mit allem zusammen und alles erscheint gleich wichtig. Besonders zwei seiner Gedanken finde ich hier und heute besonders interessant und besonders wichtig.

Der eine ist: Jeder Christ ist anders.
In dem, was Paulus beschreibt, wird Christsein ganz lebendig. Du bist, was du tust. Und was du kannst. Eine Gabe wird Aufgabe. Ein Talent wird Amt. Da wird nicht gefragt, was gebraucht wird. Da wird gefragt, was du mitbringst. Das ist entlastend, denn du musst dich nicht verbiegen. Heute würden wir das vielleicht ressourcenorientiert nennen.
Ich finde es herausfordernd, die Strukturen aus der eigenen Gemeinde damit zu vergleichen. Zu fragen: Wonach suchen wir uns eigentlich unsere Mitarbeiter aus? Die Haupt- und die Ehrenamtlichen? Und wer macht die Vorgaben? Wie viel Freiheit lassen wir einander bei den Überlegungen, wer wofür zuständig ist und wer welche Aufgabe bekommt? Und wo setzen wir einander Grenzen? Wie viele unterschiedliche Gaben haben wir? Und welche sind noch unentdeckt?

Paulus fordert beides: Einheit und Verschiedenheit. Freiheit und Grenzen. Denn so sehr er dafür plädiert, dass jeder seine eigenen Gaben einsetzt, so klar sind seine Vorstellungen von denjenigen Gaben, die für eine christliche Gemeinde unentbehrlich sind – denn Paulus wählt seine Beispiele für gewöhnlich sehr bewusst und mit viel Sorgfalt aus. Zum Beispiel die sieben Gaben. Die ersten vier sind mehr Amt als Tätigkeit, mehr Nomen als Verb.
Prophetie.
Diakonie.
Lehre.
Seelsorge.
Stichworte, die so oder ähnlich in jeder Gemeindekonzeption und jedem Leitbild vorkommen, als Kategorie des Gemeindelebens oder als Kernaufgabe. Aber es bleiben große Worte, große Hauptworte. Lassen wir die Nomen mal Verben werden:
Verkündigen und Botschafter sein. Gottes Nachricht weitersagen. Das ist Prophetie.
Beauftragt werden und helfen. Einen Dienst tun. Das ist Diakonie.
Unterrichten und erklären. Antworten suchen. Das ist Lehre.
Zuhören und kümmern. Einfach nur da sein. Das ist Seelsorge.

Hier passiert Kirche. Hier ist Christsein lebendig. Denn diese Gaben sind unentbehrlich für jede Gemeinde. Und jeder Christ füllt sie auf seine Weise. Denn so konkret diese vier Gaben von Paulus genannt und beschrieben werden, so sehr lassen sie Spielraum für die eigene Persönlichkeit, eigene Vorlieben, eigene Meinungen und eigenen Glauben. Denn diese vier sind so wichtig für eine Gemeinde, dass jegliche Konkretion Vielfalt einschränken würde und Buntheit unmöglich wäre.

Die anderen drei Gaben werden zwar mit den anderen in einem Atemzug genannt, heben sich aber etwas ab: Sie sind mehr Verb als Nomen. Mehr Handlung als Amt. Mehr Tun als Sein. Von materieller Unterstützung ist da die Rede, von Verantwortung für andere (also auch Leitungs- und Verwaltungsaufgaben) und vom Kümmern um die, die in Not sind. Hier wird Christsein konkret und eindeutig. Vor allem aber wird in diesen Gaben Christsein erkennbar. Weil diese und alle anderen Gaben dafür sorgen, dass der Leib Christi lebendig bleibt.

Und weil hier der zweite wichtige Gedanke von Paulus ins Spiel kommt: Gottes Gnade macht es möglich. Gnade, das ist schon wieder so ein großes Wort. Aber den Lesungstext noch im Ohr, wird Gnade ganz plastisch. Gott spricht: Siehe, das ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen. So schenkt Gott immer wieder Gnade: Siehe, du bist mein liebes Kind, du gefällst mir. Mit allem, was du hast und was du kannst und was du tust und was du lässt. Gottes Gnade verleiht Autorität. Zu tun, was ich kann und zu lassen, was ich nicht tun muss. Denn Gottes Gnade verpflichtet nur zu einem einzigen, nämlich zum Christsein. Und dass es erkennbar ist.

Denn Gottes Gnade macht Vielfalt möglich. Denn wir sind alle Glieder am Leib Christi. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir kümmern uns umeinander. Wir tragen Sorge füreinander und tragen einander die Sorgen. Weil die Last dann leichter wird. Wir beten für die, denen die Worte fehlen, wir sitzen bei denen, die sonst niemanden haben. Wir weinen mit den Traurigen und wir lachen mit den Fröhlichen.

Gottes Gnade macht nicht nur Vielfalt, sondern auch Einheit möglich. Als Glieder am Leib Christi sind wir mit Jesus Christus verbunden. Er verbindet uns mit Gott und er verbindet uns Menschen miteinander. Im Abendmahl wird das besonders spürbar.

Aber was werden wir tun, wenn wir diesen Gottesdienst verlassen, wenn wir wieder zu Hause sind, in unserem Alltag, konfrontiert mit Nachrichten und Bildern? Was werden wir tun? Was werden wir dem entgegen halten?
Wie wird unser wahrer Gottesdienst weiter gehen, wenn dieser Gottesdienst hier zu Ende ist? Wie werden wir uns als Christen erkennbar zeigen?
Ich denke und hoffe:
Man wird mehr von uns sehen als einen Autoaufkleber.
Man wird mehr von uns hören als ein Schweigen.
Auf religionsfeindlichen Demonstrationen wird man uns nicht finden.
Von ausländerfeindlichen Kundgebungen werden wir uns fernhalten.
Wir werden beten, wir werden klagen und wir werden loben.
Glauben werden wir und hoffen. Und lieben.
Für Gerechtigkeit werden wir uns einsetzen, auf den Frieden werden wir hoffen und lieben werden wir das Leben.
Wir werden viel weinen und wir werden noch mehr lachen.
Denn wir werden erzählen von Gott, der die Welt so sehr liebt, dass er seinen eigenen Sohn gibt, um sie zu retten.
Von Jesus Christus werden wir erzählen, der den Tod mit dem Leben besiegt hat.
Vom Heiligen Geist werden wir erzählen, der Leben ermöglicht. Und Lachen. Über Witze. Über die klugen und die flachen, über die ironischen und die sarkastischen.

So werden wir erzählen vom dreieinigen Gott, von unserem Glauben, der inspiriert und fasziniert, begeistert und euphorisiert. Vom Glauben, der zum Schmunzeln und zum Lachen bringt. Von Gott, der alle Tränen in seiner Hand sammelt: Die, die aus Wut und Enttäuschung geweint werden genauso wie alle Freudentränen.

So werden wir als Christen erkennbar sein. Man wird uns sehen und man wird uns hören. Jede und jeden von uns mit der eigenen Stimme, dem eigenen Gesicht. Und gemeinsam als Glieder am Leib Christi.

Amen.

Nr. 4 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Kleider machen Leute.

„Was zieh ich an, was zieh ich an, damit man mich auch gut sehen kann?“, trällerten Schulkinder in den Neunzigern (hach da werden Erinnerungen wach…) und schärften damit allmorgendlich ihr Bewusstsein für verkehrssichere Kleidung. Der Subtext heißt: Wer nicht auffällt, wird übersehen!

Übersehen werden wollen Kirchengemeinden auch nicht. Aber gegenüber dem Auffallen gibt es doch noch ein paar Vorurteile: Haben wir das nötig? Dürfen wir das denn? Geht das überhaupt?
Um nach außen ein einheitliches Bild abzugeben und auch nach innen alle unterschiedlichen Kleidungsstile (Birkenstock und Haute Couture, Schlaghosen und Röhrenjeans, Burberry-Schal und Jack Wolfskin-Fleecepulli) zusammen zu fassen, geben sich Kirchengemeinden heutzutage aus guten Gründen ein Corporate Design, das ihnen hilft, sich nicht jeden Morgen und bei jeder Plakat-, Handzettel-, Liedblatt-, Homepage- und sonstiger Gestaltung neu fragen zu müssen: Was zieh ich an…? Und heben sich dadurch hoffentlich ein bisschen von der Masse ab. Fallen also im besten Falle auf.

Aber gut gemeint ist längst nicht gut gemacht: Lässt das Design Gestaltenden eine gewisse künstlerische Freiheit (manchmal ist noch nicht einmal Querformat möglich)? Kann das Logo problemlos an jeder Stelle in Print- und digitalen Medien eingesetzt werden? Wissen alle über das Design Bescheid und verwenden es entsprechend? Und: Bestimmt die Funktion wirklich die Form?

Im Vikariat habe ich gelernt, mit offenen Augen durch die Welt und die Kirche zu gehen und zu beobachten. Das meiste, was ich dabei sehe, gefällt mir. Aber wenn ich sehe, welches Design und Layout sich Gemeinden so „anziehen“, dann finde ich Vieles davon wirklich nicht schön. Also weder stilvoll noch besonders aussagekräftig. Und Mühe machen sich die wenigsten. Dabei ist das gar nicht so schwer: Meiner Meinung nach dürfte kein Gemeindebrief in der Herstellung so teuer sein, dass er auf Anzeigen angewiesen ist; der schwarz-weiß-Kopierer sollte hauptsächlich für Arbeitsmaterialien und Sitzungsunterlagen benutzt werden; Geld für Software wie EG digital (mindestens das!) ist mehr als gut investiert; Comic Sans kann in den Neunzigern bleiben und eine Grafik/ein Logo/ein Werbemittel, das Kreuz, Fisch und Friedenstaube enthält, hat mindestens zwei Symbole zu viel.

Wenn unter den Leser_innen jemand anderer Meinung ist, her damit! Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen – wenn ihr gute Argumente habt. 🙂

Im Nachgang zu gestern kommen mir außerdem auch solche Fragen: Werden unterschiedliche Kommunikationsmittel genutzt, um alle zu erreichen? Sind Informationen allen zugänglich? Ist die Sprache verständlich? Machen wir es Menschen leicht, Angebote wahrzunehmen? Werden Informationen regelmäßig aktualisiert? Kann wirklich jede/r kommen?

Ich bleibe dran.

P.S.: Die Kirche und die Werbung…ein mir bekannter Pfarrer hat dazu mal einen lesenswerten Beitrag in seinem Blog verfasst!

P.P.S.: Ein Augenschmaus (und nicht nur das) ist das von der VEM (Vereinte Evangelische Mission) Buch „Aufmachen“. Eine schöne Inspirationsquelle!

P.P.P.S.: Ich bleibe noch ein bisschen bei der Vogelperspektive. Manchmal tut es ganz gut, sich die Dinge mit viel Abstand von oben anzusehen. Nächstes Mal dann was zu kirchlichen Strukturen, ihren Risiken und Nebenwirkungen (Nr. 5 von 10). Man liest sich!

Nr. 2 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Du bist jetzt nicht mehr nur du. Ich bin jetzt nicht mehr nur ich.

„Eine Vikarin ist eine Vikarin ist eine Vikarin.“ So ähnlich hatte ich mir das vor zweieinhalb Jahren noch vorgestellt. Aber ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Mittlerweile weiß ich, dass der Satz nicht stimmt, nicht stimmen kann und es auch nicht soll. Und das ist gut so. Aber das brauchte seine Zeit. Wer bin ich als Vikarin? Diese Frage war mein täglicher Begleiter. Und regelmäßig gab es verschiedene Antworten, die ich einfach mal in beliebiger Reihenfolge nenne: Predigerin, Moderatorin, Organisatorin, Lehrerin, Leiterin, Frau, Auszubildende, Liturgin, Christin, Seelsorgerin und so weiter und so fort. Die meisten waren situationsabhängig. Aber eine fast nie: Repräsentantin der Institution Kirche. Und die war ich sehr oft (auch schon vor dem Vikariat, siehe hier). Denn zwischen Vikarin und Pfarrerin machen die meisten Menschen keinen Unterschied, was ich an ihrer Stelle auch tun würde, besonders weil es von außen betrachtet kaum Unterschiede gibt: Beide feiern Gottesdienste, teilen das Abendmahl aus, taufen, trauen, beerdigen und tragen bei all dem die gleiche „Uniform“, den Talar. Und so bemerken z.B. Taufeltern ganz offen: „Sie sind aber noch sehr jung für eine Pfarrerin…und Sie machen dann den Gottesdienst ganz alleine?“, worüber ich meistens schmunzeln muss.

Natürlich gibt es zwischen Vikaren und Pfarrerinnen jede Menge Unterschiede, aber die sind aus Gründen, die ich durchaus nachvollziehen kann, für die meisten Gemeindemitglieder irrelevant und deshalb uninteressant. Dinge wie Anstellungsfähigkeit, Ordinationsrechte, Stimmrechte im Presbyterium oder auf der Kreissynode und ähnliches sagen für sie nichts über die Qualitäten und Kompetenzen eines Pfarrers aus. Meistens fand ich es deshalb hilfreich, dass bei meinem Gegenüber die Unterschiede in der Regel verschwammen. Weil ich dann nicht erst meine Kompetenzen unter Beweis stellen musste. Vor allem in Gesprächen, die eine Taufe, Trauung oder Trauerfeier zum Anlass hatten, habe ich das erlebt. Eben überall da, wo meine Rolle von vorneherein klar war, z.B. auch bei Veranstaltungsplanungen, bei Sitzungen und Tagungen. Und in Gottesdiensten sowieso. Eine Vikarin ist eine Pfarrerin. Dieser Satz trifft schon viel eher zu, auch wenn er sachlich und kirchenrechtlich gesehen natürlich nicht stimmt.

Das liegt aber nicht nur an der Wahrnehmung der Gemeindemitglieder. Eine Vikarin ist eine Pfarrerin, weil beide die Institution Kirche repräsentieren. Auch da wird kein Unterschied gemacht. Wie gesagt: Repräsentantin der Kirche war ich oft. Sehr oft. Alle meine Kolleg_innen waren und sind es. Und wir machen sehr ambivalente Erfahrungen damit: Z.B. Ansprechpartner für alle erdenklichen Fragen zu sein (Warum gibt es ein Altes und ein Neues Testament? Bei Terry Pratchett habe ich gelesen, dass der Teufel ein gefallener Engel ist, stimmt das? Was passiert eigentlich nach dem Tod? Was soll ich glauben? Welche Meinung hat die Kirche zu…?), manchmal auch für gemeindeinterne Anliegen, und gelegentlich bei einem Geburtstagsbesuch vom Geburtstagskind mit einer langen Was-ich-immer-schon-über-die-Kirche-loswerden-wollte-Schimpfrede schon an der Haustür verabschiedet zu werden. Als Repräsentantin der Institution Kirche oder der Institution Gemeinde kann dir fast alles passieren. Aber nicht alles, was andere dir vortragen oder ans Herz legen, ist persönlich gemeint. Natürlich nicht. Du bist nicht irgendwer, auch nicht Frau Schulze (wenn du so heißt), sondern Frau Pfarrerin Schulze, und auf einmal ist dein Name gar nicht mehr so wichtig. Dafür musst du keinen Talar tragen.

Und so habe ich im Vikariat gelernt, Gespräche, Begegnungen, Anmerkungen und Feedback sehr differenziert wahrzunehmen – bzw. es zu versuchen, denn es ist mir nicht immer ad hoc gelungen: Spricht da gerade jemand mit mir als Privatperson, als Christin, als jemand, der sich in kirchlichen Strukturen auskennt und einen Draht zum Presbyterium hat, als Pfarrerin, als Repräsentantin einer Institution oder Gruppe? Manchmal fällt es mir schwer, etwas nicht persönlich zu nehmen. Weil ich mein Amt ja mit Person und Persönlichkeit fülle. Aber ich habe gelernt, dass nicht alles persönlich gemeint ist. Weil ich eben nicht nur Person bin.

Wenn ich also sage, dass ich im Vikariat gelernt habe, nicht alles persönlich zu nehmen, dann nehme ich trotzdem wahr, dass es im Leben einer Kirchengemeinde um persönliche Kontakte und Beziehungen geht, um persönliche Betroffenheiten und Lebensgeschichten. Das ist aber eine andere Art von Persönlichkeit und dazu werde ich an anderer Stelle (vielleicht Nr. 7 von 10?) noch etwas schreiben. Für jetzt beschäftigt mich einfach nur meine Rolle als Vikarin/Pfarrerin und das, was ich mir damit eigentlich sonst noch so angezogen habe. Wie das wirkt. Auf andere und auf mein Selbstverständnis. Dass der Satz „Ich bin Vikarin/Pfarrerin“ immer mehr heißt als das, was er wörtlich sagt.

Neulich saß ich auf einer Geburtstagsparty mit Leuten zusammen, die ich nicht kannte. Nach dem üblichen Smalltalk fragte dann jemand: Und, was machst du so? Die übliche Frage halt. Meistens kommt dann ja auch eine übliche Antwort. „Ich bin Vikarin, also Pfarrerin in der Ausbildung“, hat dann schon ziemlich überrascht. Mich auch. Weil ich wieder mal fasziniert davon war, wie sehr sich in der nächsten Stunde das Gespräch über persönliche Haltungen zur Kirche, Fragen zum Pfarrberuf, Anekdoten aus der eigenen Glaubensbiographie und überhaupt um den eigenen Glauben drehte. Weil wieder mal deutlich wurde: Als Vikarin bin ich nicht nur ich. In solchen und vielen anderen Situationen bin ich darum sehr froh.

P.S.: In der Nr. 3 von 10 Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe, geht es um was ganz anderes.