Wie Kirche auch sein kann

Fresh X live erlebt. Wie Kirche auch sein kann.
Gedanken zum Buch von Pfr. Sebastian Baer-Henney

Es ist schon eine Weile her, dass ich in Gedanken meine Gedanken zu diesem Buch aufgeschrieben habe.
Es ist auch schon länger als eine Weile her, dass ich es gelesen habe.
Und noch viel länger ist es her, dass ich in diesem Blog etwas geschrieben habe.

Also: Es ist an der Zeit.

Inzwischen haben schon manche Andere das Buch gelesen.
Und inzwischen haben auch schon andere darüber geschrieben.
Mich beschäftigt es noch immer. Und immer wieder.
Deshalb hat es eine kleine persönliche Rezension verdient.

Also: Ich habe das Buch sehr gerne gelesen! Denn ich lese vor allem solche Bücher am liebsten, deren Geschichten vor meinem inneren Auge Bilder aufsteigen lassen, die sich dann in die Netzhaut fast einbrennen und sich dort für immer verewigen. Man könnte es auch Kopfkino nennen, aber ohne dass ich mir noch Szenen dazudenke. Die rund 150 Seiten des Mittel- bzw. Hauptteils, auf denen Sebastian Baer-Henney von den 30 Gemeinden erzählt, lesen sich wie ein Dokumentarfilm, der auf schlichte und deshalb eindrückliche Art und Weise ein Gesamtbild kirchlichen Lebens in Großbritannien zeichnet, dabei wohl dosiert Atmosphären einfängt und seinen Zuschauern resp. Lesern ausreichend Gelegenheiten bietet, sich das eine Mal direkt mit der Handkamera des „Journalisten“ ins Getümmel zu stürzen und ein ander Mal etwas abseits stehen zu bleiben und alles aus einer gesunden Distanz zu betrachten, die weit genug weg ist, um objektiv zu sein, und gleichzeitig nah genug dran, um auch noch einen subjektiven Eindruck zu bekommen.

Das Buch ist nämlich nicht nur ein Sachbuch über fresh expressions, es ist (vor allem, finde ich) auch ein Reisebericht über eine Reise durch Englands Kirchenlandschaft, und wenn einer so eine Reise tut, dann hat er hinterher nicht nur viel über die Kirchen, sondern auch manches über das Land zu erzählen. Und genau das hat mir so gut gefallen. Diese Mischung aus Sachbuch und Reisebericht. Denn immer wieder bin ich mit Sebastian Baer-Henney und seiner „Kamera“ unterwegs, fahre mit ihm zu Englands entlegendsten Gemeinden, die selbst google nicht kennt, trinke guten englischen Tee und esse dazu englische Kekse, staune über Entwicklungen, Biographien, über Mut und Realismus, über Londons Lebenstempo, das Fremde sich fühlen lässt wie ein Pausenzeichen und vor allem staune ich über Gottes Wirken in der Welt und darüber, wie eng Glaube und Vertrauen hier tatsächlich beieinander liegen: Immer wieder wird gebetet. Und immer wieder wird erzählt, wie viel gebetet wurde, als alles anfing.

Wie nebenbei lerne ich ganz viel über die fresh expressions of church. Was ich vorher schon aus der Theorie und sozusagen vom Hörensagen kannte, hat jetzt ein Gesicht bekommen und einen Namen. Und eine Geschichte dahinter. Das finde ich großartig. (Auch wer bisher noch nicht von fresh x gehört hat, kann das Buch genau so gut lesen und erfährt eine ganze Menge. Es ist ja, wie gesagt, auch ein Sachbuch. Eben eins, in dem der Autor immer wieder klarstellt, zusammenfasst, anmerkt und reflektiert und das in einem sehr ausgewogenen Verhältnis.)

Wer das Buch liest, wird die Sachinformationen ganz schnell mitkriegen. Deshalb werde ich dazu jetzt gar nicht mehr sagen. Lest es einfach selbst. Lasst euch mitnehmen in diese Welt, die eure sein könnte. Wer weiß, vielleicht schreibt ja mal jemand ein ähnliches Buch über Deutschland? Darüber, wie Kirche auch sein kann. Trifft die beymeister in Köln-Mülheim (zwischen vielen Zeilen lese ich genau das übrigens immer wieder heraus, aber natürlich lässt sich sowas im Nachhinein immer sehr einfach reinlesen) und viele andere Projekte und Menschen, die zeigen, was es braucht, damit Kirche auch anders sein kann: Gottvertrauen und Mut, eine „Alles-ist-möglich“-Haltung und „nicht genug“-Philosophie. Auf dem Weg dorthin warten Irr- und Umwege, Sackgassen und Kreuzungen, die Erfahrung, dass es gut tut, eine Weile nichts zu unternehmen und die Einsicht, dass es die „Kirche für alle“ nicht gibt und dass wir gerade deshalb ganz anders aufmerksam sein müssen.

Dieses Buch tut gut. Denn hinterher sieht man die eigene kleine Welt so, als hätte man sich die Brille geputzt. Oder sich endlich eine neue gekauft, für den scharfen Blick in die weite Landschaft Kirche.