Neunzigmalklug.

Mein Leben in Fragen. (Vielleicht auch deins.)

(Kleine Anmerkung vorweg: Dieser Text wurde geschrieben für den Predigtslam auf dem Kirchentag am 06.06.2015 in Stuttgart mit dem Motto aus Psalm 90: „dass wir klug werden“. Er ist also zum Hören, weniger zum Lesen. Denke ich.)

1. Wo ist der Himmel aufgehängt?
2. Warum macht grüne Seife weißen Schaum?
3. Kommt da noch ein Baby raus?
4. Oma, schmeckt die Frau da nach Schokolade?
5. Können Fische husten?
6. Warum sind Erwachsene immer so streng?
7. Wenn ich meine Spaghetti nicht aufesse, darf ich sie dann nach Afrika schicken?
8. Wo ist Walter?
9. Wo ist Opa jetzt?
10. Warum schmecken Tränen nach Salz, nicht nach Zucker?
11. Warum muss ich in die Schule?
12. Nerven deine Geschwister auch so?
13. Wann werden meine Eltern wieder normal?
14. Was benutzt du gegen Pickel?
15. Was hilft gegen Busen?
16. Bekommen das alle?
17. Warum haben alle einen Freund außer ich?
18. Wird man vom Küssen schwanger?
19. Wann guckt er endlich rüber?
20. Bin ich schön?
21. Kann ich Mathe von dir abschreiben?
22. Willst du mit mir gehen?
23. Warum sind die süßesten Jungs immer die größten Herzensbrecher?
24. Warum tut Liebeskummer weh?
25. Hast du auch mal welchen gehabt, Mama?
26. Wer hält mich, wenn ich falle?
27. Bist du da, Gott?
28. Wieso konnten sie sich nicht zu zweit auf die verdammte Tür legen??
29. Wer ist eigentlich dieser Lan und warum macht er so viele Parties?
30. Warum gibt es Noten in Sport?
31. Warum kan nicht alles einfach so bleiben wie es ist?
32. Was will ich werden und wie werde ich, wer ich bin?
33. Habe ich einen Lebenstraum?
34. Bleiben wir in Kontakt?
35. …und am Wochenende sehen wir uns dann immer?
36. Papa, kannst du mir die Waschmaschine anschließen?
37. Mama, kannst du mir erklären, wie sie funktioniert?
38. Vermisst du mich auch?
39. Warum wohnen die besten Freunde immer so weit weg?
40. Findest du die Vorlesung auch so langweilig?
41. Sollen wir nicht lieber einen Kaffee trinken gehen?
42. Was ist dir wichtig im Leben?
43. Glaubst du an Gott?
44. Wie kommst du aus Krisen?
45. Kochen wir heute Abend was zusammen?
46. Boah, kann ich das Rezept haben?
47. Warum ist am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig?
48. Warum liegt hier eigentlich Stroh?
49. Und wer bist du überhaupt?
50. Gehen wir zu mir oder zu dir?
51. Warum haben wir uns nicht schon früher kennengelernt?
52. Sind das etwa Schmetterlinge?
53. Ist die Welt zu kaufen?
54. Oder wie lang müssen meine Arme sein, um sie zu umarmen?
55. Warum antwortet er nicht auf meine sms?
56. Soll ich gleich zurückschreiben?
57. Woran denkst du?
58. Wie geht es weiter?
59. Wollen wir zusammen leben?
60. Wenn Zuhause da ist, wo das Herz ist, wo ist dann Heimat?
61. Welche Wohnung ist groß genug für zwei Lebensentwürfe?
62. Warum ist der Urlaub immer viel zu kurz?
63. Warum bin ich morgens immer müde und werde abends wach?
64. Warum bringst du den Müll nicht raus?
65. Bin ich dran mit Spülen?
66. Gehen wir heute Abend ins Kino?
67. Wo kommst du jetzt her?
68. Wie kannst du nur?!
69. Sind wir glücklich?
70. Haben wir schon alles erreicht?
71. Was wollen wir noch erleben?
72. Müsste man sich nicht viel öfter was trauen?
73. Willst du mich heiraten?
74. Was bringt mir eigentlich Kirche?
75. Sind Computer die besseren Menschen?
76. Und die digitalen Freunde die verlässlichsten?
77. Wenn Geld die Welt regiert, will ich mich knechten lassen?
78. Wie viel fair hilft viel?
79. Wie viel bio verträgt dein Geldbeutel?
80. Wie lange dauert die Ewigkeit?
81. Ist da jemand?
82. Können wir unseren Kindern die Welt erklären?
83. Was war vorher?
84. Findet Gott alle Menschen gleich gut?
85. Weiß er alles?
86. Wofür lohnt es sich zu leben?
87. Werden irgendwann alle Fragen beantwortet?
88. Wie bleibt man glücklich?
89. Sehen wir uns wieder?
90. Und wo ist eigentlich der Himmel aufgehängt?

P.S.: Mehr vom gestrigen Predigtslam gibt es z.B. bei Frau Auge (Birgit Mattausch) und bei Zwischengerufen (Friederike Erichsen-Wendt), und in der facebook-Gruppe „Zentrum für evangelische Predigtkultur“ (z.B. Johanna Klee). Einfach mal reinlesen!

Pfarrdienst, wie geht das?

So manche Berufsbezeichnung hat ihre sprachlichen Tücken:
„Ich bin Vikarin.“ – „Welche Karin?“

Ich gebe zu: Das ein oder andere Mal habe ich mir gewünscht, ich wäre einfach Architektin oder Lehrerin geworden. Das hätten auf Anhieb alle verstanden und sich sogar noch etwas darunter vorstellen können. Als Pfarrerin sollte sich das ändern. Dachte ich. Und dann waren die Erstklässler der felsenfesten Überzeugung, dass man für diesen Beruf auf jeden Fall einen Führerschein braucht und sehr viel in großen Autos oder Bussen unterwegs ist – was zum Teil ja sogar stimmt, aber es lag doch wohl eher daran, dass man hierzulande das P im Pf eher verschludert… Okay, das zählt nicht.

Inzwischen bin ich also Pfarrerin. Und ja, es hat sich etwas verändert. Nicht nur, dass sich unter dem Pfarrberuf die meisten Menschen etwas vorstellen können und Fragen wie „…und was macht man da so?“ meistens ausbleiben.

Stattdessen stehe ich vor anderen Herausforderungen. Zum Beispiel dieser: Pfarrerin zu sein.
Denn so schön es doch ist, meinen Beruf nicht erklären zu müssen, so zahlreich sind doch die Fragen und Erwartungen an ihn. Ich suche und sammle regelmäßig Antworten auf die Frage, wie das eigentlich geht, Pfarrerin zu sein. Was es heißt, was es bedeutet, was es mit der Person macht (also mir!), die dieses Amt bekleidet, d.h. im wahrsten Sinne angezogen hat.
Und das, obwohl sich rein äußerlich nichts verändert hat: Talar und Beffchen sind noch die gleichen, und ich darf all das, was ich auch vorher schon durfte. Nur jetzt mit eigenem Auftrag. Manche Kolleg_innen versuchen auf eigene Art und Weise, das Unsichtbare sichtbar zu machen und tragen seit dem Pfarrdienstbeginn z.B. eine neue Brille oder Frisur, was für mich aus unterschiedlichen Gründen aber nicht in Frage kam.

Ich lasse also das Unsichtbare unsichtbar und merke trotzdem, dass sich etwas verändert. Vielleicht wird ja von selbst etwas sichtbar. Manchmal meine ich, es im Spiegel zu erkennen… Diese Veränderungen kann man nicht anziehen. Man kann sich nicht damit schmücken oder schminken. Sie kommen im Gespräch, in Begegnungen mit Menschen, die immer wieder fragen: „Warum sind Sie Pfarrerin geworden? Was gefällt Ihnen besonders an diesem Beruf?“ Ich treffe Menschen, und ich treffe auf Meinungen, Erwartungen, Vorurteile, Neugier, Fragen und ein ganzes Museum voller Pfarrbilder. Da kann ich mich umgucken, dem Audioguide zuhören (der mich an ausgewählten Bildern vorbeischickt) und mich mit den entsprechenden Künstler_innen unterhalten. Interessant ist das auf jeden Fall! Aber wenn ich nach Hause gehe, habe ich immer noch keine Antworten.

Pfarrdienst, wie geht das?

In der Predigt, die ich heute gehört habe, ging es darum, Dinge geschehen zu lassen. Nicht alles selber tun zu wollen, sondern vertrauen, dass Gott wirkt. Ich bin sehr gespannt auf meine ersten Amtsjahre, in denen ich einerseits dem ein oder anderen Pfarrbild entsprechen werde, in denen ich andererseits selber aussuche, welches Pfarrbild zu mir passt, und in denen ich immer wieder erlebe, dass Pfarrdienst auch heißt, Gott wirken zu lassen.

Trotzdem werde ich mich in der nächsten Zeit viel mit dieser Frage beschäftigen, wie Pfarrdienst geht, was es für mich bedeutet und was für eine Pfarrerin ich bin oder sein will. Ich werde mir einige Pfarrbilder von ganz nah oder mit viel Abstand ansehen und werde viel nachdenken, reden und natürlich hier schreiben.

Nr. 7 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Wer nicht fragt, bleibt…dumm?!

Was die Sesamstraße schon lange weiß, kennt die jüdische Tradition schon viel länger: Wenn dein Kind dich morgen fragt…ja, was sagst du dann? Was wirst du ihm erzählen? Welche Antworten wirst du ihm geben? Wie wirst du von deinem Glauben sprechen? Was lernt es von dir?

Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens zu haben, spielt nicht nur zwischen Eltern und Kindern eine Rolle, sondern für mich ist das der Kern von Gemeindepädagogik. Bei Taufen benutze ich zum Beispiel gerne die Formulierung von Tauffragen aus der Nordkirche, in denen das gut zum Ausdruck kommt. Da lautet die Frage an die Gemeinde: „Wollt ihr dieses Kind in eure Mitte aufnehmen, es mit eurem Gebet begleiten und dazu helfen, dass es mit uns glauben, hoffen und lieben lernt…?“

Es ist spannend, reizvoll, herausfordernd und absolut lohnenswert, sich den Fragen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, Männern, Senioren und überhaupt allen zu stellen, die in keine Schublade passen. Hier ein kleines Sammelsurium aus den letzten zweieinhalb Jahren, unsortiert und willkürlich, denn eine Ordnung und Wertung steht mir nicht zu, und auf Vollständigkeit erhebe ich erst recht keinen Anspruch:

Was ist der Mensch?

Woher kommt das Böse?

Warum lässt Gott Leid zu?

Warum gibt es ein Altes und ein Neues Testament?

Warum werden evangelische Pfarrer_innen nicht geweiht?

Ist der Teufel ein gefallener Engel und ein Geschöpf Gottes?

Welche Verantwortung habe ich als Christ_in gegenüber der Welt?

Was passiert nach dem Tod? Sehen wir uns wieder?

Was geschieht mit meiner Kirchensteuer?

Glauben alle Menschen an den gleichen Gott?

Kann ich an den Urknall und an die Schöpfung gleichzeitig glauben?

Was ist Sünde?

Wann gibt es endlich Frieden?

Was passiert beim Beten?

Glauben Pfarrer_innen alles, was in der Bibel steht?

Wer hat eigentlich gesagt, dass Gott „Gott“ heißt?

Wer hat die Bibel geschrieben?

Wie tief muss ich fallen, um von Gottes Hand aufgefangen zu werden?

Warum gibt es an Weihnachten immer ein Krippenspiel?

Warum soll ich in den Gottesdienst gehen?

Durch welche Fragen wird diese Liste wohl in den nächsten Jahren ergänzt werden? Ich könnte ja jetzt schon mindestens bis übermorgen an ihr schreiben…! Anscheinend ist die Nachfrage an Antworten groß. Sehr groß! Also: Wer nicht fragt, bleibt dumm?! Ich würde es positiv formulieren: Wer fragt, bekommt ganz viel geschenkt. Das Ringen um die richtigen Worte und die Suche nach der passenden Antwort. Die jüdische Tradition macht es doch vor: Wer fragt, lernt. Glauben und Leben.

Auch dafür liebe ich meinen „Beruf“. 🙂

P.S.: Morgen geht’s genau hier weiter, und zwar mit der Nr. 8 von 10 und ein paar Gedanken zu denen, die hinter den Fragen und den Antworten stecken. Man liest sich!