Guck‘ mal, wer da spricht!

In meiner facebook-timeline tauchte in den letzten Tagen bestimmt siebenmal oder öfter dieser eine Artikel auf, immer wieder von anderen Personen geteilt: „Kirche verreckt an ihrer Sprache“. Ich habe ihn dann auch mal gelesen. Auch die Kommentare und Diskussionen, die drumherum so entstanden. Und habe das Gefühl, dass das Thema einen Nerv trifft: Derjenigen, die sowieso in die gleiche Kerbe schlagen („Habe ich doch immer schon gewusst! Und gesagt auch!“). Und derjenigen, die sich nicht angesprochen fühlen („Da kennt der mich aber nicht!“).

Keine Frage, auch mich hat das in letzter Zeit beschäftigt. Weil ich erst bis vor kurzem eine Ausbildung genossen habe, in der sehr viel Wert auf gute Predigt- und Gebetssprache gelegt wurde. Weil ich der Meinung bin, dass Authentizität beim Auftreten anfängt und spätestens dann aufhört, wenn mein Gegenüber den Mund aufmacht. (Der Volksmund mag die Augen ja für das Fenster der Seele halten. Dann ist die Sprache eine Tür. Das Tor zur Welt. Zum Du. Zum Wir.) Weil Rhetorik auch eine theologische Disziplin ist, sonst würde es nicht TheoLOGIE heißen. Weil es ohne Sprache keine Verkündigung gibt, kein Weitersagen einer Froh-Botschaft, kein Evangelium.

Aber ich frage mich allen Ernstes: Warum wird ein Artikel über einen subjektiven Negativ-Eindruck von Theologen- und Predigtsprech ÖFTER GETEILT als ein wirklich sprachlich und inhaltlich gelungenes Beispiel quasi „von nebenan“, nämlich die beeindruckende und anrührende Predigt von der westfälischen Präses Annette Kurschus anlässlich des Gottesdienstes zum Gedenken an die Opfer des Flugabsturzes?! (Wer sie bis jetzt nicht gelesen hat, tue es umgehend. Es lohnt sich!)

Und was ist das für ein Bild von Kirche, das offensichtlich dann entsteht, wenn Menschen bedauerlicherweise zu oft schlechter Sprache ausgesetzt sind? Zu viele langweilige Gottesdienste besucht haben? Es noch nie erlebten, dass SIE gemeint sind? Ich finde, da wird nochmal deutlich, dass Sprache nicht nur Tore öffnet, sondern auch Türen zuschlägt. Direkt vor der Nase. Nur wer versteht, gehört dazu. Nur wer die gleiche Sprache spricht, darf mitreden…

Gerade komme ich von einer Zusammenkunft von Pfarrer/innen, die sich einen Nachmittag lang Gedanken über die Zukunft ihrer Region gemacht haben, zumindest für die nächsten zehn Jahre. Wenn ich mir versuche auszumalen, in welche Richtung sich Pfarrbilder in dieser Zeit entwickeln werden, welchen Herausforderungen das Pfarramt entgegengeht oder -sieht, dann wird mir noch einmal mehr bewusst, wie sehr Sprache pfarrdienstliches HANDWERKSZEUG ist. Wenn Gemeinden zusammengelegt, Kirchen verkauft und Pfarrstellen abgebaut werden – die Sprache bleibt. Gottes Wort bleibt. Inmitten von sprachlichen (und nicht nur das!) Ungetümen wie Haushaltskonsolidierung und Verwaltungsstrukturreformen.

Kirche lebt durch das Wort. Lassen wir es leben!

Gnade verpflichtet

Predigt für den 11. Januar 2015 über Röm 12,1-8

Liebe Gemeinde,

woran erkennt man eigentlich einen Christen? Im Straßenverkehr meistens an dem Fischaufkleber rechts vom Nummernschild, und auf evangelischen Autos klebt direkt daneben: „Ich bremse auch für Katholiken“.
So viel Wahrheit in einem Witz.
So viel Identität in einem Aufkleber.

Nach den Ereignissen der letzten Woche mag es Zufall oder Absicht sein, dass diese Predigt mit einem Witz beginnt (und noch nicht mal mit einem besonders guten, denn es gibt weitaus bessere und klügere und witzigere christliche Witze). Nach den Ereignissen der letzten Woche wissen wir – wieder einmal, dass es Menschen gibt, die Humor und Religion zusammen nicht aushalten können und die niemals über sich selbst, geschweige denn Gott lachen könnten und es auch nicht ertragen, wenn andere es tun. Dass da zweidimensionale Worte und Zeichnungen lebendig werden, zu Angriffen auf die eigene Identität, dass sie verletzen, beschämen und Gott lästern – angeblich. Weil so viel Wahrheit in einem Witz steckt und so viel Identität in einem Glauben und nicht immer das eine vom anderen getrennt wird.

Die Frage, woran man einen Christen erkennt – auch und gerade, wenn sie nicht Teil eines Witzes ist – stellt sich heute mehr denn je. Sie drängt sich auf in diesen Tagen, in denen die Eindrücke der Jahresrückblicke, die uns Funk- und Fernsehkanäle auf Ohren und Augen drückten, noch ganz frisch sind. Die Frage drängt sich auf, wenn wir die Bilder vor unserem inneren Auge vorüberziehen lassen, die die Meldungen des letzten und dieses ganz jungen Jahres mit sich brachten:

Menschenrechtsverletzungen.
Unterdrückung.
Flucht. Flüchtlinge. Männer und Frauen und Alte und Kinder. Menschen, die alles zurücklassen, um nichts zu gewinnen.
Terror und Hass.
Grausamkeiten.
Hinrichtungen.
Krieg im Namen Gottes.
Und Proteste.
Immer wieder Proteste.

Und immer wieder die Frage: Wie verhalte ich mich als Christ dazu? Was wird von mir erwartet? Wozu bin ich verpflichtet? Was soll ich sagen? Was soll ich meinen? Was soll ich tun?
In diesen Tagen drängt sich die Frage nach umfassender Identität auf. Christsein will erkennbar sein. Sichtbar. Hörbar.

Dieses Bedürfnis ist so alt wie das Christentum selbst. Und noch älter.
Es beschäftigte die ersten Christen, die als zwei oder drei in Jesu Namen zusammen kamen.
Die, die sich heute in Gottes Namen versammeln.
Die Christen in den Wohnzimmerkirchen und den Kathedralen.
Auf der Straße und in Krankenhäusern, in Gefängnissen und Kindergärten.
Woran erkennt man einen Christen?

In einem alten Brief, vor fast zweitausend Jahren an Christen in Rom geschrieben, steckt eine umfassende Antwort. Und darin ganz viel Gutes und Wichtiges, wie ein kleines Glaubensbekenntnis, als Appell an alle Christen geschrieben. An die in Rom. Und die in New York und Sri Lanka, in London und Paris, in Berlin, Düsseldorf, Willich und in Neersen.

Ich lese aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer, aus dem 12. Kapitel in der Neuen Genfer Übersetzung: 1 Ich habe euch vor Augen geführt, Geschwister, wie groß Gottes Erbarmen ist. Die einzige angemessene Antwort darauf ist die, dass ihr euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung stellt und euch ihm als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt, an dem er Freude hat. Das ist der wahre Gottesdienst, und dazu fordere ich euch auf. 2 Richtet euch nicht länger nach ´den Maßstäben` dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist.
3
Ich rufe daher aufgrund der Vollmacht, die Gott mir in seiner Gnade gegeben hat, jeden Einzelnen von euch zu nüchterner Selbsteinschätzung auf. Keiner soll mehr von sich halten, als angemessen ist. Maßstab für die richtige Selbsteinschätzung ist der Glaube, den Gott jedem in einem bestimmten Maß zugeteilt hat.
4
Es ist wie bei unserem Körper: Er besteht aus vielen Körperteilen, die einen einzigen Leib bilden und von denen doch jeder seine besondere Aufgabe hat. 5 Genauso sind wir alle – wie viele ´und wie unterschiedlich` wir auch sein mögen – durch unsere Verbindung mit Christus ein Leib, und wie die Glieder unseres Körpers sind wir einer auf den anderen angewiesen. 6 Denn die Gaben, die Gott uns in seiner Gnade geschenkt hat, sind verschieden. Wenn jemand die Gabe des prophetischen Redens hat, ist es seine Aufgabe, sie in Übereinstimmung mit dem Glauben zu gebrauchen.
7
Wenn jemand die Gabe hat, einen praktischen Dienst auszuüben, soll er diese Gabe einsetzen. Wenn jemand die Gabe des Lehrens hat, ist es seine Aufgabe, zu lehren. 8 Wenn jemand die Gabe der Seelsorge hat, soll er anderen seelsorgerlich helfen. Wer andere materiell unterstützt, soll es uneigennützig tun. Wer für andere Verantwortung trägt, soll es nicht an der nötigen Hingabe fehlen lassen. Wer sich um die kümmert, die in Not sind, soll es mit fröhlichem Herzen tun.

Alte Worte. So alt wie das Christentum selbst. Und heute besonders wichtig, weil die Fragen dringend sind. Woran erkennt man mich als Christen? Wodurch wird Zugehörigkeit sichtbar? Und wie viel Abgrenzung darf sein?

Paulus hat darauf wie fast immer eine sehr umfassende Antwort. Große Worte werden da genannt: Vom wahren Gottesdienst ist die Rede, vom sich-Gott-zur-Verfügung-Stellen, von der richtigen Selbsteinschätzung und dem angemessenen Umgang mit den eigenen Gaben. Nicht alle dieser Worte erklären sich von selbst. Manche erklären oder ergänzen einander und andere brauchen noch ein bisschen mehr Erklärung. Oder Differenzierung. Denn bei Paulus hängt irgendwie oft alles mit allem zusammen und alles erscheint gleich wichtig. Besonders zwei seiner Gedanken finde ich hier und heute besonders interessant und besonders wichtig.

Der eine ist: Jeder Christ ist anders.
In dem, was Paulus beschreibt, wird Christsein ganz lebendig. Du bist, was du tust. Und was du kannst. Eine Gabe wird Aufgabe. Ein Talent wird Amt. Da wird nicht gefragt, was gebraucht wird. Da wird gefragt, was du mitbringst. Das ist entlastend, denn du musst dich nicht verbiegen. Heute würden wir das vielleicht ressourcenorientiert nennen.
Ich finde es herausfordernd, die Strukturen aus der eigenen Gemeinde damit zu vergleichen. Zu fragen: Wonach suchen wir uns eigentlich unsere Mitarbeiter aus? Die Haupt- und die Ehrenamtlichen? Und wer macht die Vorgaben? Wie viel Freiheit lassen wir einander bei den Überlegungen, wer wofür zuständig ist und wer welche Aufgabe bekommt? Und wo setzen wir einander Grenzen? Wie viele unterschiedliche Gaben haben wir? Und welche sind noch unentdeckt?

Paulus fordert beides: Einheit und Verschiedenheit. Freiheit und Grenzen. Denn so sehr er dafür plädiert, dass jeder seine eigenen Gaben einsetzt, so klar sind seine Vorstellungen von denjenigen Gaben, die für eine christliche Gemeinde unentbehrlich sind – denn Paulus wählt seine Beispiele für gewöhnlich sehr bewusst und mit viel Sorgfalt aus. Zum Beispiel die sieben Gaben. Die ersten vier sind mehr Amt als Tätigkeit, mehr Nomen als Verb.
Prophetie.
Diakonie.
Lehre.
Seelsorge.
Stichworte, die so oder ähnlich in jeder Gemeindekonzeption und jedem Leitbild vorkommen, als Kategorie des Gemeindelebens oder als Kernaufgabe. Aber es bleiben große Worte, große Hauptworte. Lassen wir die Nomen mal Verben werden:
Verkündigen und Botschafter sein. Gottes Nachricht weitersagen. Das ist Prophetie.
Beauftragt werden und helfen. Einen Dienst tun. Das ist Diakonie.
Unterrichten und erklären. Antworten suchen. Das ist Lehre.
Zuhören und kümmern. Einfach nur da sein. Das ist Seelsorge.

Hier passiert Kirche. Hier ist Christsein lebendig. Denn diese Gaben sind unentbehrlich für jede Gemeinde. Und jeder Christ füllt sie auf seine Weise. Denn so konkret diese vier Gaben von Paulus genannt und beschrieben werden, so sehr lassen sie Spielraum für die eigene Persönlichkeit, eigene Vorlieben, eigene Meinungen und eigenen Glauben. Denn diese vier sind so wichtig für eine Gemeinde, dass jegliche Konkretion Vielfalt einschränken würde und Buntheit unmöglich wäre.

Die anderen drei Gaben werden zwar mit den anderen in einem Atemzug genannt, heben sich aber etwas ab: Sie sind mehr Verb als Nomen. Mehr Handlung als Amt. Mehr Tun als Sein. Von materieller Unterstützung ist da die Rede, von Verantwortung für andere (also auch Leitungs- und Verwaltungsaufgaben) und vom Kümmern um die, die in Not sind. Hier wird Christsein konkret und eindeutig. Vor allem aber wird in diesen Gaben Christsein erkennbar. Weil diese und alle anderen Gaben dafür sorgen, dass der Leib Christi lebendig bleibt.

Und weil hier der zweite wichtige Gedanke von Paulus ins Spiel kommt: Gottes Gnade macht es möglich. Gnade, das ist schon wieder so ein großes Wort. Aber den Lesungstext noch im Ohr, wird Gnade ganz plastisch. Gott spricht: Siehe, das ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen. So schenkt Gott immer wieder Gnade: Siehe, du bist mein liebes Kind, du gefällst mir. Mit allem, was du hast und was du kannst und was du tust und was du lässt. Gottes Gnade verleiht Autorität. Zu tun, was ich kann und zu lassen, was ich nicht tun muss. Denn Gottes Gnade verpflichtet nur zu einem einzigen, nämlich zum Christsein. Und dass es erkennbar ist.

Denn Gottes Gnade macht Vielfalt möglich. Denn wir sind alle Glieder am Leib Christi. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir kümmern uns umeinander. Wir tragen Sorge füreinander und tragen einander die Sorgen. Weil die Last dann leichter wird. Wir beten für die, denen die Worte fehlen, wir sitzen bei denen, die sonst niemanden haben. Wir weinen mit den Traurigen und wir lachen mit den Fröhlichen.

Gottes Gnade macht nicht nur Vielfalt, sondern auch Einheit möglich. Als Glieder am Leib Christi sind wir mit Jesus Christus verbunden. Er verbindet uns mit Gott und er verbindet uns Menschen miteinander. Im Abendmahl wird das besonders spürbar.

Aber was werden wir tun, wenn wir diesen Gottesdienst verlassen, wenn wir wieder zu Hause sind, in unserem Alltag, konfrontiert mit Nachrichten und Bildern? Was werden wir tun? Was werden wir dem entgegen halten?
Wie wird unser wahrer Gottesdienst weiter gehen, wenn dieser Gottesdienst hier zu Ende ist? Wie werden wir uns als Christen erkennbar zeigen?
Ich denke und hoffe:
Man wird mehr von uns sehen als einen Autoaufkleber.
Man wird mehr von uns hören als ein Schweigen.
Auf religionsfeindlichen Demonstrationen wird man uns nicht finden.
Von ausländerfeindlichen Kundgebungen werden wir uns fernhalten.
Wir werden beten, wir werden klagen und wir werden loben.
Glauben werden wir und hoffen. Und lieben.
Für Gerechtigkeit werden wir uns einsetzen, auf den Frieden werden wir hoffen und lieben werden wir das Leben.
Wir werden viel weinen und wir werden noch mehr lachen.
Denn wir werden erzählen von Gott, der die Welt so sehr liebt, dass er seinen eigenen Sohn gibt, um sie zu retten.
Von Jesus Christus werden wir erzählen, der den Tod mit dem Leben besiegt hat.
Vom Heiligen Geist werden wir erzählen, der Leben ermöglicht. Und Lachen. Über Witze. Über die klugen und die flachen, über die ironischen und die sarkastischen.

So werden wir erzählen vom dreieinigen Gott, von unserem Glauben, der inspiriert und fasziniert, begeistert und euphorisiert. Vom Glauben, der zum Schmunzeln und zum Lachen bringt. Von Gott, der alle Tränen in seiner Hand sammelt: Die, die aus Wut und Enttäuschung geweint werden genauso wie alle Freudentränen.

So werden wir als Christen erkennbar sein. Man wird uns sehen und man wird uns hören. Jede und jeden von uns mit der eigenen Stimme, dem eigenen Gesicht. Und gemeinsam als Glieder am Leib Christi.

Amen.

Nr. 8 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Wen man nicht alles trifft!

Wenn man – wie ich es in den letzten zweieinhalb Jahren getan habe – intensiv eine Gemeinde besucht, verlässt man den Beobachtungsposten nie ganz, egal wie sehr man Teil des Ganzen wird. An manchen Tagen kam ich mir vor wie in einem riesigen, interaktiven Museum: Immer wieder bin ich zum Staunen stehen geblieben, oder um mir etwas erklären zu lassen; habe mich hierhin und dorthin treiben, hier inspirieren und dort berühren lassen, konnte hier mitreden und dort hinterfragen, hier etwas geben und dort etwas mitnehmen. Habe mir Strukturen und Konzepte, Ideen und Visionen angesehen und Anekdoten, Biographien und Erinnerungen angehört. Manchmal war ich nah an der Reizüberflutung angesichts der vielen Eindrücke.

Natürlich hinkt der Vergleich mit dem Museum, denn es klingt so als würde in einer Kirchengemeinde etwas ausgestellt, das es bloß wert wäre, betrachtet zu werden. Als wäre sie ein Ort voller Theorie. Dabei ist der nicht nur interaktiv, sondern auch lebendig. Hier erzählen sich Menschen nicht nur bloße Geschichten vom Glauben und Zweifeln, sondern leben sie. Deshalb bin ich auch oft genug stehen geblieben, um zu staunen, wen man hier alles trifft:

Himmelsstürmer und Erdenbürger
Gewohnheitsmenschen und Abenteurer
Revolutionäre und Friedensstifter
Sturköpfe und Querdenker
Gottesfürchtige und Kleingläubige
Wanderprediger und Einzelgänger
Hirten und Schafe
nämlich schwarze und weiße, graue, blaue, grüne, gelbe und pinke
gepunktete, gestreifte und kleinkarierte…

Im Moment sehe ich die größte Herausforderung an mich als angehende Pfarrerin, diese bunte Mischung, diese Vielfalt noch anders wertzuschätzen denn als „rheinischen Pluralismus“, auf den man hierzulande (oder sagt man dann „hierzulandeskirchens“?) so stolz ist – und der ja auch mehr die vielfältigen Bekenntnistraditionen als die Vielfältigkeiten menschlichen Lebens meint. Denn es ist doch mehr als das. Hier geht es um etwas anderes. Hier glauben, hoffen und lieben Menschen miteinander.

Ich bin dankbar für alle Menschen, die ich in den letzten zweieinhalb Jahren getroffen und für jede Lebens- und Glaubensgeschichte, die ich nicht nur beobachtet, sondern auch miterlebt habe. Bald werden viele neue dazu kommen. Was haben die Menschen anderswo zu erzählen, wie leben und glauben sie? Wen werde ich anderswo treffen? Wie wird mich das verändern?…

Nr. 7 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Wer nicht fragt, bleibt…dumm?!

Was die Sesamstraße schon lange weiß, kennt die jüdische Tradition schon viel länger: Wenn dein Kind dich morgen fragt…ja, was sagst du dann? Was wirst du ihm erzählen? Welche Antworten wirst du ihm geben? Wie wirst du von deinem Glauben sprechen? Was lernt es von dir?

Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens zu haben, spielt nicht nur zwischen Eltern und Kindern eine Rolle, sondern für mich ist das der Kern von Gemeindepädagogik. Bei Taufen benutze ich zum Beispiel gerne die Formulierung von Tauffragen aus der Nordkirche, in denen das gut zum Ausdruck kommt. Da lautet die Frage an die Gemeinde: „Wollt ihr dieses Kind in eure Mitte aufnehmen, es mit eurem Gebet begleiten und dazu helfen, dass es mit uns glauben, hoffen und lieben lernt…?“

Es ist spannend, reizvoll, herausfordernd und absolut lohnenswert, sich den Fragen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, Männern, Senioren und überhaupt allen zu stellen, die in keine Schublade passen. Hier ein kleines Sammelsurium aus den letzten zweieinhalb Jahren, unsortiert und willkürlich, denn eine Ordnung und Wertung steht mir nicht zu, und auf Vollständigkeit erhebe ich erst recht keinen Anspruch:

Was ist der Mensch?

Woher kommt das Böse?

Warum lässt Gott Leid zu?

Warum gibt es ein Altes und ein Neues Testament?

Warum werden evangelische Pfarrer_innen nicht geweiht?

Ist der Teufel ein gefallener Engel und ein Geschöpf Gottes?

Welche Verantwortung habe ich als Christ_in gegenüber der Welt?

Was passiert nach dem Tod? Sehen wir uns wieder?

Was geschieht mit meiner Kirchensteuer?

Glauben alle Menschen an den gleichen Gott?

Kann ich an den Urknall und an die Schöpfung gleichzeitig glauben?

Was ist Sünde?

Wann gibt es endlich Frieden?

Was passiert beim Beten?

Glauben Pfarrer_innen alles, was in der Bibel steht?

Wer hat eigentlich gesagt, dass Gott „Gott“ heißt?

Wer hat die Bibel geschrieben?

Wie tief muss ich fallen, um von Gottes Hand aufgefangen zu werden?

Warum gibt es an Weihnachten immer ein Krippenspiel?

Warum soll ich in den Gottesdienst gehen?

Durch welche Fragen wird diese Liste wohl in den nächsten Jahren ergänzt werden? Ich könnte ja jetzt schon mindestens bis übermorgen an ihr schreiben…! Anscheinend ist die Nachfrage an Antworten groß. Sehr groß! Also: Wer nicht fragt, bleibt dumm?! Ich würde es positiv formulieren: Wer fragt, bekommt ganz viel geschenkt. Das Ringen um die richtigen Worte und die Suche nach der passenden Antwort. Die jüdische Tradition macht es doch vor: Wer fragt, lernt. Glauben und Leben.

Auch dafür liebe ich meinen „Beruf“. 🙂

P.S.: Morgen geht’s genau hier weiter, und zwar mit der Nr. 8 von 10 und ein paar Gedanken zu denen, die hinter den Fragen und den Antworten stecken. Man liest sich!

Ich brauche keine Kirche…?!

Ein Gespräch, vor einigen Jahren, beim Frisör.
Sie: „Und, was machen Sie so beruflich?“ – Ich: „Ich studiere Evangelische Theologie. Ich möchte Pfarrerin werden.“ – Sie: „Oh.“ (peinliches Schweigen)
Plötzlich: „Also ich glaube ja an Gott. Aber ich brauche dafür keine Kirche!“

Der weitere Gesprächsverlauf spielt hier erstmal keine Rolle. Auch nicht, wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelte. In den letzten Jahren haben viele Gespräche, die sich einfach so ergaben, so oder ähnlich begonnen. Immer wieder.

Für mich als Kind einer Landeskirche, die ich mittlerweile als Heimat bezeichnen würde (auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was sie bzw. ihre Repräsentanten so tun und sagen), musste ich erstmal verstehen lernen. Das scheint aber auch so ein Pfarrersding zu sein: „Glauben kann man nicht alleine. Das geht nur in Gemeinschaft, also in der Kirche“, predigte eine Kollegin immer wieder. Und ein anderer: „Immer diese Individualisierung. Die Leute heutzutage sind lieber allein und einsam als gemeinsam. Jeder will alles für sich allein haben und sein.“ Ja, natürlich wird da hauptsächlich mit DEM biblischen Text der ersten Christen (Apg 2) argumentiert und damit, was die ersten Christen so ausgemacht hat: Gebet, Abendmahl, Bibellese und GEMEINSCHAFT. Dem stimme ich zu. Theologisch und persönlich sogar. Aber ich denke, dass hinter der Trennung zwischen Glaube und Kirche noch etwas anderes steckt als bloß Individualisierungstendenzen. Wenn man mit Menschen über Kirche ins Gespräch kommt, dann ist man schnell bei dem, was sie sich von DER Kirche wünschen: Klartext reden, Meinung haben, Impulse geben…und so weiter. Man sucht nach Orientierung und wünscht sich vor allem Transparenz: Wie steht die Kirche zum Thema Sterbehilfe? Wann wird das Kirchensteuersystem endlich durchsichtig und nachvollziehbar (hier ein Versuch) bzw. wann warum gibt es das überhaupt noch? Was soll ich eigentlich glauben? Wie soll ich mich als Christ verhalten?

Dass es in der Evangelischen Kirche so ziemlich unmöglich ist, DIE Meinung DER Kirche zu diktieren oder unreflektiert nachzusagen, ist das eine. Dass offenbar aber zu viele unterschiedliche (theologische) Meinungen/Impulse/Ideen/
Vorstellungen kursieren und dass der Weg von Pluralität zu Beliebigkeit sehr kurz ist, ist das andere.

Wie kann es gehen, dass trotzdem Klartext geredet wird? Dass Entscheidungen, Prozesse, Veränderungen (egal auf welcher Ebene) transparent gemacht werden? Wie kann Menschen geholfen werden, Kirche für sich zu finden oder auch neu zu erfinden? Und wie kann der Gegensatz zwischen „Wir alle sind Kirche“ und „Kirche als Gegenüber“ angegangen werden?

Wann überwiegen die Positivschlagzeilen? Weniger von dem, was verunsichert oder bestätigt und mehr von dem, was reizt, interessiert, fasziniert und den eigenen Glauben fantasievoll anregt? Menschen, die Gesicht zeigen und Persönlichkeit und Spiritualität und Glauben und Zweifel? Es sollte mehr sein als „Ich bin gerne evangelisch“. Oder?!

Wer braucht hier eigentlich wen? Die Frage könnte sich dann erübrigen.