Nr. 9 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Der Weg ist das Ziel.

Als sich im September das Ende der Examenszeit abzeichnete, man mich regelmäßig fragte, wie es mir denn gehe und ich ebenso regelmäßig wie automatisiert antwortete, ich sei froh, dass die Lernerei bald ein Ende haben werde, erntete ich nicht etwa verständnisvolles Nicken, sondern in den allermeisten Fällen ein verschmitzt-altkluges Lächeln, und dann diesen Satz, den ich nach dem dritten Mal schon nicht mehr hören konnte und mich immer noch damit schwer tue: „Sie werden Ihr ganzes Leben lang lernen…“

Warum ich mich schwer tue? Der Satz stimmt zwar. Aber ist er auch wahr? Er muss sich doch für mein Leben und mein Berufsleben erst bewahrheiten, also sich als Wahrheit erweisen! Das ist das eine.
Das andere ist, dass ich schon ahne, wie sehr er sich bewahrheiten wird, weil es unausweislich ist, dieses Lernen. In den letzten zweieinhalb Jahren wurde mir eben genau diese Binsenweisheit sehr sehr klar. Und dass das Pfarramt kein Beruf wie jeder andere ist, sondern ein Dienst und eine Berufung und ein Leben. Du wirst nie ausgelernt haben. Du wirst nie fertig sein.

Warum eigentlich? Ach so, ja, weil das Leben eine Reise ist? Wir gehn dahin und wandern / von einem Jahr zum andern, schreibt Paul Gehrhardt im 17. Jahrhundert. „Der Weg ist das Ziel“, sagt man heute. Normalerweise finde ich diese Bilder von „Kirche auf Wanderschaft“, „Wir sind alle Pilgerinnen und Pilger“, „Gemeinde unterwegs“, „Wir sind alle Suchende“ und ähnliche sehr dürftig; meiner Meinung nach werden sie oft eher unreflektiert benutzt, z.B. um davon abzulenken, dass einem gerade kein besseres Bild eingefallen ist. Aber das führt jetzt vielleicht zu weit.

Was ich sagen will: Der Weg ist das Ziel. Ja. In meinem Fall stimmt das und ist auch noch wahr! In den letzten Jahren bin ich einen unglaublich langen Weg gegangen, der mir beim Gehen sehr viel länger vorkam als er in Wirklichkeit gewesen ist – aber das ist bei Spaziergängen oder Autofahrten auf unbekannten Strecken ja immer so. Ich bin den Weg aber nicht nur gegangen, ich habe mich durch scheinbar undurchdringliches Dickicht geschlagen („Da musst du jetzt durch!“), habe auf Lichtungen die Sonne genossen („Herrlich hier!“), habe mich verirrt („Wo bin ich hier gelandet?!“), mich ausgeruht („Urlaub!“) und noch viel mehr erlebt als in irgendein Tagebuch passen könne – und stehe jetzt an dieser Gabelung. Die doch kein Ziel ist. Denn der Weg ist es ja. Die sich aber trotzdem so anfühlt. Zumindest wie ein Etappenziel.
Dieser Moment, nachdem du eine Weile blindlings drauflosgegangen bist, immer weiter, einen Schritt nach dem anderen, und du irgendwann stehenbleibst und wie zum ersten Mal wahrnimmst, dass du unterwegs bist. So ein Moment ist das jetzt, in diesen Tagen.

Ich stehe also an dieser nächsten Gabelung. Mit dreckigen, staubigen Schuhen. So nehme ich die letzten Jahre immerhin noch ein Stückchen mit und lasse sie Schritt für Schritt hinter mir, wenn die noch feuchte Erde langsam trocknet und aus der Schuhsohle herausbröselt…

Und auch wenn sich beim Verabschieden das Thema „Weg“ nahe legt: Es KANN KEIN ZUFALL SEIN, dass ich gerade heute Abend von einer Gruppe in der Gemeinde eine Postkarte mit selbstgeschriebenen Zeilen bekam, als hätten sie gewusst, worüber ich heute schreiben werde (vorne ein Foto von einer Wendeltreppe): „Mal seh’n, wo dein Weg dich so hinführt… Auf jeden Fall weiter…nach oben…wieder runter…lass‘ dich überraschen.“ Genau das werde ich tun – etwas anders bleibt mir wohl auch nicht übrig, oder?!

P.S.: Am Freitag poste ich die letzte Nummer, die Nr. 10 von 10 Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe. Am letzten Tag als Vikarin. Man liest sich!

Nr. 4 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Kleider machen Leute.

„Was zieh ich an, was zieh ich an, damit man mich auch gut sehen kann?“, trällerten Schulkinder in den Neunzigern (hach da werden Erinnerungen wach…) und schärften damit allmorgendlich ihr Bewusstsein für verkehrssichere Kleidung. Der Subtext heißt: Wer nicht auffällt, wird übersehen!

Übersehen werden wollen Kirchengemeinden auch nicht. Aber gegenüber dem Auffallen gibt es doch noch ein paar Vorurteile: Haben wir das nötig? Dürfen wir das denn? Geht das überhaupt?
Um nach außen ein einheitliches Bild abzugeben und auch nach innen alle unterschiedlichen Kleidungsstile (Birkenstock und Haute Couture, Schlaghosen und Röhrenjeans, Burberry-Schal und Jack Wolfskin-Fleecepulli) zusammen zu fassen, geben sich Kirchengemeinden heutzutage aus guten Gründen ein Corporate Design, das ihnen hilft, sich nicht jeden Morgen und bei jeder Plakat-, Handzettel-, Liedblatt-, Homepage- und sonstiger Gestaltung neu fragen zu müssen: Was zieh ich an…? Und heben sich dadurch hoffentlich ein bisschen von der Masse ab. Fallen also im besten Falle auf.

Aber gut gemeint ist längst nicht gut gemacht: Lässt das Design Gestaltenden eine gewisse künstlerische Freiheit (manchmal ist noch nicht einmal Querformat möglich)? Kann das Logo problemlos an jeder Stelle in Print- und digitalen Medien eingesetzt werden? Wissen alle über das Design Bescheid und verwenden es entsprechend? Und: Bestimmt die Funktion wirklich die Form?

Im Vikariat habe ich gelernt, mit offenen Augen durch die Welt und die Kirche zu gehen und zu beobachten. Das meiste, was ich dabei sehe, gefällt mir. Aber wenn ich sehe, welches Design und Layout sich Gemeinden so „anziehen“, dann finde ich Vieles davon wirklich nicht schön. Also weder stilvoll noch besonders aussagekräftig. Und Mühe machen sich die wenigsten. Dabei ist das gar nicht so schwer: Meiner Meinung nach dürfte kein Gemeindebrief in der Herstellung so teuer sein, dass er auf Anzeigen angewiesen ist; der schwarz-weiß-Kopierer sollte hauptsächlich für Arbeitsmaterialien und Sitzungsunterlagen benutzt werden; Geld für Software wie EG digital (mindestens das!) ist mehr als gut investiert; Comic Sans kann in den Neunzigern bleiben und eine Grafik/ein Logo/ein Werbemittel, das Kreuz, Fisch und Friedenstaube enthält, hat mindestens zwei Symbole zu viel.

Wenn unter den Leser_innen jemand anderer Meinung ist, her damit! Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen – wenn ihr gute Argumente habt. 🙂

Im Nachgang zu gestern kommen mir außerdem auch solche Fragen: Werden unterschiedliche Kommunikationsmittel genutzt, um alle zu erreichen? Sind Informationen allen zugänglich? Ist die Sprache verständlich? Machen wir es Menschen leicht, Angebote wahrzunehmen? Werden Informationen regelmäßig aktualisiert? Kann wirklich jede/r kommen?

Ich bleibe dran.

P.S.: Die Kirche und die Werbung…ein mir bekannter Pfarrer hat dazu mal einen lesenswerten Beitrag in seinem Blog verfasst!

P.P.S.: Ein Augenschmaus (und nicht nur das) ist das von der VEM (Vereinte Evangelische Mission) Buch „Aufmachen“. Eine schöne Inspirationsquelle!

P.P.P.S.: Ich bleibe noch ein bisschen bei der Vogelperspektive. Manchmal tut es ganz gut, sich die Dinge mit viel Abstand von oben anzusehen. Nächstes Mal dann was zu kirchlichen Strukturen, ihren Risiken und Nebenwirkungen (Nr. 5 von 10). Man liest sich!

Wer ist dieser Gott?

Predigt für den 16. Februar 2014 (Röm 9,14-24)

14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15 Denn er spricht zu Mose (Ex 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (Ex 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« 18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will. 19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? 22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. 24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.

Liebe Gemeinde,
es gibt Gefühle und Zustände, die lassen sich am besten durch einen Vergleich beschreiben. Ein paar Beispiele:
Das Lied, das Sie vermutlich noch aus der Hitparade, ich höchstens abscheulich verfremdet aus der Werbung kenne: Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben. Genau so fühlt es sich an, wenn mich die Schmetterlinge in meinem Bauch durch die Welt fliegen lassen, die rosarote Brille auf den Augen, durch die ich komischerweise gar nichts rosa, sondern alles viel viel klarer als vorher sehe!
Der Spruch damals auf der Schultoilette. Jungs sind wie Waschmaschinen – wenn man sie anmacht, drehen sie durch. Danke, anonymer Verfasser! Besser hätte ich mein durchaus ambivalentes Verhältnis zum anderen Geschlecht als Vierzehnjährige nicht ausdrücken können, schwankend zwischen Verehrung und Belustigung.

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte und um Missverständnissen in meiner nie ganz verständlichen Ausdrucksweise vorzubeugen, hilft der Vergleich. Aber nur der bildhafte. So kann ich andere sehen lassen, wie ich mich fühle, was ich denke, worüber ich rede.
Ich habe geschlafen wie ein Stein.
Es zieht wie Hechtsuppe.
Du bist so heiß wie ein Vulkan.
Gottes Liebe ist wie die Sonne.
Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer.

Womit wir schon beim Thema wären. Denn sicherlich haben Sie nicht ernsthaft gedacht, ich würde heute mit Ihnen über die angesagten Schlager der Siebziger oder über Schülersprüche der Neunziger reden wollen. Auch nicht über rhetorische Stilmittel. Sondern – wie könnte es an einem Sonntagmorgen anders sein – über Gott. Denn eins hat er mit dem, was ich Ihnen bis jetzt erzählt habe, gemeinsam: Es gibt Dinge, die übersteigen so sehr meinen Verstand, dass sie auf Worte gar nicht zu begrenzen sind. Sie widersetzen sich den Grenzen, die ihnen Buchstaben setzen und verlangen nach etwas Größerem, nach Weite – nach einem Bild. Das tun Gefühle wie Liebe, Sehnsucht, Kummer; und das tut Gott. Und weil es sich bei dem Predigttext von heute anbietet, nehmen wir doch mal dieses: Gott ist wie ein Fünf-Gänge-Menü.

Sicher lassen sich (bildlich gesprochen) auch Adjektive wie exquisit, reichhaltig und vielseitig auf Gott übertragen. Aber vor allem ist Gott wie ein Fünf-Gänge-Menü, weil es doch gerade bei fünf Gängen immer mindestens einen gibt, der mir nicht schmeckt. Auf den ich gerne verzichte. Und hinterher habe ich immer eine Menge zu verdauen.

Paulus hat uns heute ein Menü angerichtet, das alles andere ist als ein All-you-can-eat-Buffet, wo man sich rauspickt, was einem am besten schmeckt und den Rest links liegen lässt. Es ist ein Menü, das uns von Gott erzählt. Das uns in allen Facetten beschreibt, wie Gott ist. Das probieren wir häppchenweise, Gang für Gang. Und gehen dabei einmal quer durch die Bibel, so wie Paulus.

Erster Gang: kalte Vorspeise.

Die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. (Gen 1,2-4a)

Also die Vorspeise wird doch gnadenlos unterschätzt. Und zu unrecht oft als belanglos abgetan und abgelehnt. Warum, weiß kein Mensch. Als ob dadurch tatsächlich die Figur oder der Geldbeutel geschont werden könne. Schließlich macht sie doch erst Lust aufs Essen! Sie reizt die Geschmacksnerven, macht sie bereit für alles, was danach an kulinarischen (oder in diesem Falle: theologischen) Köstlichkeiten folgt; sie lockt erste längst verloren geglaubte Erinnerungen an Wärme, Farben, Gerüchen, Geschmäckern, Genuss, an Gedanken heraus. Sie macht Lust auf mehr: Gib mir mehr von diesem Gott, dem die Welt gehorcht, wenn er nur den kleinen Finger rührt! Erzähl mir mehr von dem, der diese Welt und alles, was auf ihr herumstolpert, gut findet! Und dann kommt…

…der Zweite Gang: Suppe.

Aber der Herr machte das Herz des Pharao hart, und dieser hörte nicht auf sie, wie der Herr es Mose gesagt hatte. (Ex 9,12)

Hoffentlich wird hier nicht so heiß gegessen, wie gekocht und serviert wird.
Ist Pusten überhaupt erlaubt?
Wahrscheinlich werde ich mir so oder so den Gaumen verbrennen. Also was soll’s.
Erster Löffel: richten, vernichten, bestrafen, beschimpfen, verhärten, zerstören, töten.
Aua, ist das heiß!
Zweiter Löffel: Zorn, Strafe, Fluch, Feuer, Verderben, Gericht, Blut, Tod.
Also so habe ich mir das nicht vorgestellt, ich kann ja gar nichts schmecken!
Schmeckt alles gleich, nämlich einfach nur heiß. Ich ahne schon, da muss ich durch.
Aber in mir sträubt sich alles. Ich will das Handtuch werfen, die Serviette auf den Tisch schleudern. Es kann, es darf doch einfach nicht sein, dass die Suppe nicht halten kann, was die Vorspeise versprochen hat! Wenn ich nicht schon im Voraus das ganze Menü bezahlt hätte, würde ich jetzt gehen.
Plötzlich kommt mir ein Gedanke: Ich lasse mir die Suppe einfach einpacken. Zu Hause, mit etwas Abstand und leicht verdünnt, schmeckt sie bestimmt besser.

Und da kommt auch schon der dritte Gang: Fisch.

Und alle aßen und wurden satt. Und sie sammelten die Brocken, zwölf Körbe voll, und auch die Reste von den Fischen. Und es waren fünftausend Männer, die gegessen hatten. Gleich darauf drängte er seine Jünger, ins Boot zu steigen und vorauszufahren (…) und als er sieht, wie sie sich beim Rudern abmühen (…), kommt er (…) auf dem See gegangen. (…) Alle sahen ihn und erschraken (…), sie waren entsetzt und fassungslos. Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt. (Mk 6,42-52 i.A.)

Ach ja, Fisch, dazu braucht man jetzt besonderes Besteck. Ich schaue mich um und stelle verwundert – aber auch mit ein bisschen Genugtuung – fest, dass es gar nicht allen ausgeteilt wurde. Fast tun sie mir leid, die anderen. Aber so schnell wie der Impuls, mein Fischmesser mit jemandem zu teilen, gekommen war, so schnell ist er auch wieder weg. Kann ja nicht jeder ein Christ sein.
Ich widme mich wieder meinem Fisch. Was ist es überhaupt für einer? Ein schneller Blick auf die Menükarte klärt mich auf: ICQUS. Aha. Nie gehört.
Hat ja verdammt viele Gräten. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verschlucke und vorsichtig sein, dass mir keine im Hals stecken bleibt.
Zum Glück schmeckt der Fisch. Und wie! Wie… ja, wie beschreibt man das bloß? Wie eine gelungene und ausgewogene Mischung aus Wurzelgemüse und Geflügel. Ja, wie Erde und Himmel zusammen vereint. Göttlich!

Aber jetzt mal Butter bei die Fische. Wird Zeit für das erste „richtige“ Essen heute, den vierten Gang: Fleisch.

Und während sie aßen, nahm er Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen und sprach: Nehmt, das ist mein Leib. Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet und gab ihnen den, und sie tranken alle daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele. (Mk 14,22-24)

Also wie der Koch das wohl hinbekommen hat: Zäh und blutig. Sowas ist mir ja noch nie untergekommen. Schmeckt aber ganz passabel.

Ich schiebe es langsam mit der Zunge im Mund hin und her, schmecke behutsam Geschmäckern nach und lasse dann zu, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft, um aus dem Fleisch heraus zu schwemmen, was mich nicht nur satt, sondern glücklich machen wird. Ich erinnere mich. Da sind Gesichter und Menschen. Ich höre sie miteinander reden und erzählen, ich sehe sie einander umarmen und die Köpfe zusammenstecken. Ein glockenhelles Kichern hier und ein bauchiges Lachen da. Und dann lachen sie auf einmal nicht mehr. Stille. Noch nicht einmal ein Flüstern. Dann ein Schrei und Weinen, ganz viel Weinen und Klagen und Rufen: Warum? Warum? Tränen über Tränen überfluten meine Erinnerung und ich kann nicht sagen, ob ich wach bin oder träume, tauche unter, ertrinke fast in dem Kummer, der mich umgibt, in dem Warum?, das meine Ohren fast betäubt. Ich tauche wieder auf und atme. Mich blickt ein freundliches Gesicht an, das erste seit langem; es öffnet den Mund und sagt etwas. Es ist kaum hörbar, und trotzdem dringen diese beiden Worte an mein Ohr, graben sich tief in mich hinein und brennen sich mir ins Herz: Für dich.

Ich schlucke und bin wieder an meinem Tisch. Der Teller ist leer.

Fünfter Gang: Dessert.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir. (Jes 40,3)

Das Beste kommt doch wie immer zum Schluss!
Obwohl ich sagen muss: Etwas mehr Zuckerguss hätte dem ganzen doch gut getan. Vor allem nach dieser Suppe. Ich kann die Menschen im Orient gut verstehen, dass sie nach einem scharfen Essen diese sirupgetränkten Dinger essen. Nach sowas sehne ich mich jetzt auch. Denn so richtig kann mein Nachtisch nicht wieder gut machen, was die anderen Gänge verpasst haben. Zuckerguss könnte jetzt gut zudecken, was mir übel aufstößt.

Aber wie ich so in dem Nachtisch herumstochere und mich frage, ob es das jetzt gewesen sein soll, trifft es mich unvermittelt: Ja, das soll es gewesen sein. So und nicht anders. Denn was wäre das Fleisch ohne die Suppe, das Dessert ohne den Fisch gewesen? Fad, langweilig – ein Essen eben. Aber das gerade, das war Leben.
Irgendwann, wahrscheinlich nach dem Kaffee, kehrt Ruhe ein in meinem Magen und meinem Kopf. Ich tupfe ein letztes Mal mit der Serviette über meinen Mund, als könnte ich ihn mit dieser Geste versiegeln und damit all die Kostbarkeiten bewahren, die nur zusammen ein Schatz sind.

Und endlich habe ich Zeit zum Staunen. Darüber, dass Gott mir zutraut, dass ich alle seine Gänge schon vertragen werde. Darüber, dass er damit sogar recht hat.
Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und schäme mich über einige Gedanken von eben. Jetzt bin ich satt und glücklich und dankbar. Und schmecke immer noch diesem interessanten Geschmack von irgendwo zwischen drittem und viertem Gang hinterher: …damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. Dazu hat er uns berufen aus den Juden und aus den Heiden.

Probieren geht über Studieren.
Amen.