Meine Pfarrbildgalerie

Lieber noch als ins Museum gehe ich in den Zoo oder ins Kino. Und wahrscheinlich bin ich auch kein typischer Museumsbesucher. Denn die meisten Bilder erzählen für mich keine Geschichte(n), sondern etwas über mein Leben. Natürlich sehe ich mir auch gerne die van Goghs und Picassos dieser Welt an, aber die wirklich spannenden Bilder sind meiner Meinung nach eben jene, nach deren Betrachtung ich mein Stück Wirklichkeit mit anderen Augen sehe.

Lieber noch als in den Zoo oder ins Kino gehe ich in Kirchen. Gemeinden. Auch da gibt es herrlich viele Bilder zu sehen, Pfarrbilder nennt man sie dort. Der Eintritt ist immer frei und die Ausstellung eine dauerhafte. Lebenslänglich sozusagen, und sogar darüber hinaus.

Ich nehme euch mal mit auf einen virtuellen Rundgang und zeige euch meine beiden Lieblinge. Das sind nicht die, die mir am besten gefallen, sondern vielmehr die Pfarrbilder, die ich bisher am häufigsten „in echt“ gesehen habe und die mich geprägt haben.

Das erste Bild ist das Pfarrbild meiner Kindheit, also meiner Studienzeit, in der ich meine ersten Schritte Richtung pastorale Vorbilder gemacht habe. Die Farben erinnern mich an eine Zeit, in der Pfarrer noch Hirten und Herden überschaubar waren. Sieht so Nostalgie aus? Ich entdecke auch viel Gegenwärtiges in dem Bild: Kolleg_innen, die einfach für alles zuständig sind. Manche von ihnen gezwungenermaßen, andere freiwillig. Ich sehe da auch solche, die in der Kirche hauptsächlich die Erweiterung ihres Pfarrhauses bzw. Wohnzimmers bzw. Hobbykellers sehen. Solche, die nach ihrer Pensionierung die ohnehin schon großen Fußstapfen nur noch vergrößern.

Manches an diesem Bild missfällt mir so sehr, dass ich am liebsten gleich weiter gehen möchte. Und dann bleibe ich doch noch eine Weile stehen. Bis ich Schönheit darin entdecke. Ich sehe Verbindlichkeit und Kontinuität in persönlichen Beziehungen und Biographien. Und viele zufriedene Menschen. Zum Beispiel die Taufeltern, die sich gewünscht hatten, dass ich auch das zweite Kind taufe.

…und weiter geht es, den Gang entlang, geradewegs zu dem Bild, das hinten links hängt. Die anderen Bilder beachte ich gerade gar nicht. Jetzt bin ich da. Es ist ein buntes Bild. Wieder warme Farben, diesmal allerdings in einer weitaus breiteren Palette. Kaum eine Farbe des Regenbogens, die hier nicht zu sehen ist. Kaum ein Mensch, der sich nicht in diesem Bild wiederfände. Ich sehe Menschen, die zusammen sitzen, lachen, beten, essen. Es sind so viele, dass man ihre Gesichter gar nicht genau erkennen kann. Und trotzdem entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ganz vorne ein freundliches Gesicht und eine freundliche Geste. Eine freundliche Pfarrerin. Freundlich ist auch der Titel: Einladend. Hier muss ich mich immer wundern. Denn das hat was von performativem Gemeindeaufbau – falls es den überhaupt gibt: Was gesagt ist, wird Wirklichkeit. Jetzt weiß ich auch, warum sich bei mir bei diesem Bild manchmal Überforderung ins Wohlsein mischt. Ich bin mir noch nicht so sicher, ob es mir so wirklich gefällt. Und ob ich als Pfarrerin wirklich Nachbarin sein möchte…

Im Museumsshop blättere ich nach jedem Besuch im Ausstellungskatalog, weil ich es einfach nicht schaffe, so viel Konzentration für so viele Bilder aufzubringen. Deshalb lese ich mir hier immer wieder die Titel durch: Führungskraft. Netzwerker. Freundin. Manager. Botschafterin. Evangelist. Und wie sie alle heißen. Viele haben gar keinen Titel, lassen sich nicht festlegen. Was es mir nicht gerade leichter macht. Nicht unter allen kann ich mir etwas vorstellen und nur wenige finde ich für mich passend. Manchmal habe ich das Gefühl, den Wald vor lauter Bäumen und mich selbst vor lauter Bildern und Erwartungen, Ansprüchen und Wünschen nicht zu sehen.

Deshalb sollte ich langsam mal raus hier! Ich lege den Katalog beiseite, stoße die schwere Glastür auf und stehe auf einmal wieder im echten Leben. Kalte Winterluft begrüßt mich wie eine alte Freundin, die mich immer wieder zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Ich merke, dass ich auf die Frage, wie Pfarrdienst geht und welche Art von Pfarrerin ich sein will, noch keine Antwort habe. Ich merke auch, dass ich froh bin, den Pinsel für „mein Pfarrbild“ selbst in die Hand nehmen zu müssen. Das gehört vielleicht einfach zu den Herausforderungen meiner Generation. Ich bin jedenfalls gespannt, was da entstehen wird!