Gnade verpflichtet

Predigt für den 11. Januar 2015 über Röm 12,1-8

Liebe Gemeinde,

woran erkennt man eigentlich einen Christen? Im Straßenverkehr meistens an dem Fischaufkleber rechts vom Nummernschild, und auf evangelischen Autos klebt direkt daneben: „Ich bremse auch für Katholiken“.
So viel Wahrheit in einem Witz.
So viel Identität in einem Aufkleber.

Nach den Ereignissen der letzten Woche mag es Zufall oder Absicht sein, dass diese Predigt mit einem Witz beginnt (und noch nicht mal mit einem besonders guten, denn es gibt weitaus bessere und klügere und witzigere christliche Witze). Nach den Ereignissen der letzten Woche wissen wir – wieder einmal, dass es Menschen gibt, die Humor und Religion zusammen nicht aushalten können und die niemals über sich selbst, geschweige denn Gott lachen könnten und es auch nicht ertragen, wenn andere es tun. Dass da zweidimensionale Worte und Zeichnungen lebendig werden, zu Angriffen auf die eigene Identität, dass sie verletzen, beschämen und Gott lästern – angeblich. Weil so viel Wahrheit in einem Witz steckt und so viel Identität in einem Glauben und nicht immer das eine vom anderen getrennt wird.

Die Frage, woran man einen Christen erkennt – auch und gerade, wenn sie nicht Teil eines Witzes ist – stellt sich heute mehr denn je. Sie drängt sich auf in diesen Tagen, in denen die Eindrücke der Jahresrückblicke, die uns Funk- und Fernsehkanäle auf Ohren und Augen drückten, noch ganz frisch sind. Die Frage drängt sich auf, wenn wir die Bilder vor unserem inneren Auge vorüberziehen lassen, die die Meldungen des letzten und dieses ganz jungen Jahres mit sich brachten:

Menschenrechtsverletzungen.
Unterdrückung.
Flucht. Flüchtlinge. Männer und Frauen und Alte und Kinder. Menschen, die alles zurücklassen, um nichts zu gewinnen.
Terror und Hass.
Grausamkeiten.
Hinrichtungen.
Krieg im Namen Gottes.
Und Proteste.
Immer wieder Proteste.

Und immer wieder die Frage: Wie verhalte ich mich als Christ dazu? Was wird von mir erwartet? Wozu bin ich verpflichtet? Was soll ich sagen? Was soll ich meinen? Was soll ich tun?
In diesen Tagen drängt sich die Frage nach umfassender Identität auf. Christsein will erkennbar sein. Sichtbar. Hörbar.

Dieses Bedürfnis ist so alt wie das Christentum selbst. Und noch älter.
Es beschäftigte die ersten Christen, die als zwei oder drei in Jesu Namen zusammen kamen.
Die, die sich heute in Gottes Namen versammeln.
Die Christen in den Wohnzimmerkirchen und den Kathedralen.
Auf der Straße und in Krankenhäusern, in Gefängnissen und Kindergärten.
Woran erkennt man einen Christen?

In einem alten Brief, vor fast zweitausend Jahren an Christen in Rom geschrieben, steckt eine umfassende Antwort. Und darin ganz viel Gutes und Wichtiges, wie ein kleines Glaubensbekenntnis, als Appell an alle Christen geschrieben. An die in Rom. Und die in New York und Sri Lanka, in London und Paris, in Berlin, Düsseldorf, Willich und in Neersen.

Ich lese aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer, aus dem 12. Kapitel in der Neuen Genfer Übersetzung: 1 Ich habe euch vor Augen geführt, Geschwister, wie groß Gottes Erbarmen ist. Die einzige angemessene Antwort darauf ist die, dass ihr euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung stellt und euch ihm als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt, an dem er Freude hat. Das ist der wahre Gottesdienst, und dazu fordere ich euch auf. 2 Richtet euch nicht länger nach ´den Maßstäben` dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet und beurteilen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist.
3
Ich rufe daher aufgrund der Vollmacht, die Gott mir in seiner Gnade gegeben hat, jeden Einzelnen von euch zu nüchterner Selbsteinschätzung auf. Keiner soll mehr von sich halten, als angemessen ist. Maßstab für die richtige Selbsteinschätzung ist der Glaube, den Gott jedem in einem bestimmten Maß zugeteilt hat.
4
Es ist wie bei unserem Körper: Er besteht aus vielen Körperteilen, die einen einzigen Leib bilden und von denen doch jeder seine besondere Aufgabe hat. 5 Genauso sind wir alle – wie viele ´und wie unterschiedlich` wir auch sein mögen – durch unsere Verbindung mit Christus ein Leib, und wie die Glieder unseres Körpers sind wir einer auf den anderen angewiesen. 6 Denn die Gaben, die Gott uns in seiner Gnade geschenkt hat, sind verschieden. Wenn jemand die Gabe des prophetischen Redens hat, ist es seine Aufgabe, sie in Übereinstimmung mit dem Glauben zu gebrauchen.
7
Wenn jemand die Gabe hat, einen praktischen Dienst auszuüben, soll er diese Gabe einsetzen. Wenn jemand die Gabe des Lehrens hat, ist es seine Aufgabe, zu lehren. 8 Wenn jemand die Gabe der Seelsorge hat, soll er anderen seelsorgerlich helfen. Wer andere materiell unterstützt, soll es uneigennützig tun. Wer für andere Verantwortung trägt, soll es nicht an der nötigen Hingabe fehlen lassen. Wer sich um die kümmert, die in Not sind, soll es mit fröhlichem Herzen tun.

Alte Worte. So alt wie das Christentum selbst. Und heute besonders wichtig, weil die Fragen dringend sind. Woran erkennt man mich als Christen? Wodurch wird Zugehörigkeit sichtbar? Und wie viel Abgrenzung darf sein?

Paulus hat darauf wie fast immer eine sehr umfassende Antwort. Große Worte werden da genannt: Vom wahren Gottesdienst ist die Rede, vom sich-Gott-zur-Verfügung-Stellen, von der richtigen Selbsteinschätzung und dem angemessenen Umgang mit den eigenen Gaben. Nicht alle dieser Worte erklären sich von selbst. Manche erklären oder ergänzen einander und andere brauchen noch ein bisschen mehr Erklärung. Oder Differenzierung. Denn bei Paulus hängt irgendwie oft alles mit allem zusammen und alles erscheint gleich wichtig. Besonders zwei seiner Gedanken finde ich hier und heute besonders interessant und besonders wichtig.

Der eine ist: Jeder Christ ist anders.
In dem, was Paulus beschreibt, wird Christsein ganz lebendig. Du bist, was du tust. Und was du kannst. Eine Gabe wird Aufgabe. Ein Talent wird Amt. Da wird nicht gefragt, was gebraucht wird. Da wird gefragt, was du mitbringst. Das ist entlastend, denn du musst dich nicht verbiegen. Heute würden wir das vielleicht ressourcenorientiert nennen.
Ich finde es herausfordernd, die Strukturen aus der eigenen Gemeinde damit zu vergleichen. Zu fragen: Wonach suchen wir uns eigentlich unsere Mitarbeiter aus? Die Haupt- und die Ehrenamtlichen? Und wer macht die Vorgaben? Wie viel Freiheit lassen wir einander bei den Überlegungen, wer wofür zuständig ist und wer welche Aufgabe bekommt? Und wo setzen wir einander Grenzen? Wie viele unterschiedliche Gaben haben wir? Und welche sind noch unentdeckt?

Paulus fordert beides: Einheit und Verschiedenheit. Freiheit und Grenzen. Denn so sehr er dafür plädiert, dass jeder seine eigenen Gaben einsetzt, so klar sind seine Vorstellungen von denjenigen Gaben, die für eine christliche Gemeinde unentbehrlich sind – denn Paulus wählt seine Beispiele für gewöhnlich sehr bewusst und mit viel Sorgfalt aus. Zum Beispiel die sieben Gaben. Die ersten vier sind mehr Amt als Tätigkeit, mehr Nomen als Verb.
Prophetie.
Diakonie.
Lehre.
Seelsorge.
Stichworte, die so oder ähnlich in jeder Gemeindekonzeption und jedem Leitbild vorkommen, als Kategorie des Gemeindelebens oder als Kernaufgabe. Aber es bleiben große Worte, große Hauptworte. Lassen wir die Nomen mal Verben werden:
Verkündigen und Botschafter sein. Gottes Nachricht weitersagen. Das ist Prophetie.
Beauftragt werden und helfen. Einen Dienst tun. Das ist Diakonie.
Unterrichten und erklären. Antworten suchen. Das ist Lehre.
Zuhören und kümmern. Einfach nur da sein. Das ist Seelsorge.

Hier passiert Kirche. Hier ist Christsein lebendig. Denn diese Gaben sind unentbehrlich für jede Gemeinde. Und jeder Christ füllt sie auf seine Weise. Denn so konkret diese vier Gaben von Paulus genannt und beschrieben werden, so sehr lassen sie Spielraum für die eigene Persönlichkeit, eigene Vorlieben, eigene Meinungen und eigenen Glauben. Denn diese vier sind so wichtig für eine Gemeinde, dass jegliche Konkretion Vielfalt einschränken würde und Buntheit unmöglich wäre.

Die anderen drei Gaben werden zwar mit den anderen in einem Atemzug genannt, heben sich aber etwas ab: Sie sind mehr Verb als Nomen. Mehr Handlung als Amt. Mehr Tun als Sein. Von materieller Unterstützung ist da die Rede, von Verantwortung für andere (also auch Leitungs- und Verwaltungsaufgaben) und vom Kümmern um die, die in Not sind. Hier wird Christsein konkret und eindeutig. Vor allem aber wird in diesen Gaben Christsein erkennbar. Weil diese und alle anderen Gaben dafür sorgen, dass der Leib Christi lebendig bleibt.

Und weil hier der zweite wichtige Gedanke von Paulus ins Spiel kommt: Gottes Gnade macht es möglich. Gnade, das ist schon wieder so ein großes Wort. Aber den Lesungstext noch im Ohr, wird Gnade ganz plastisch. Gott spricht: Siehe, das ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen. So schenkt Gott immer wieder Gnade: Siehe, du bist mein liebes Kind, du gefällst mir. Mit allem, was du hast und was du kannst und was du tust und was du lässt. Gottes Gnade verleiht Autorität. Zu tun, was ich kann und zu lassen, was ich nicht tun muss. Denn Gottes Gnade verpflichtet nur zu einem einzigen, nämlich zum Christsein. Und dass es erkennbar ist.

Denn Gottes Gnade macht Vielfalt möglich. Denn wir sind alle Glieder am Leib Christi. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir kümmern uns umeinander. Wir tragen Sorge füreinander und tragen einander die Sorgen. Weil die Last dann leichter wird. Wir beten für die, denen die Worte fehlen, wir sitzen bei denen, die sonst niemanden haben. Wir weinen mit den Traurigen und wir lachen mit den Fröhlichen.

Gottes Gnade macht nicht nur Vielfalt, sondern auch Einheit möglich. Als Glieder am Leib Christi sind wir mit Jesus Christus verbunden. Er verbindet uns mit Gott und er verbindet uns Menschen miteinander. Im Abendmahl wird das besonders spürbar.

Aber was werden wir tun, wenn wir diesen Gottesdienst verlassen, wenn wir wieder zu Hause sind, in unserem Alltag, konfrontiert mit Nachrichten und Bildern? Was werden wir tun? Was werden wir dem entgegen halten?
Wie wird unser wahrer Gottesdienst weiter gehen, wenn dieser Gottesdienst hier zu Ende ist? Wie werden wir uns als Christen erkennbar zeigen?
Ich denke und hoffe:
Man wird mehr von uns sehen als einen Autoaufkleber.
Man wird mehr von uns hören als ein Schweigen.
Auf religionsfeindlichen Demonstrationen wird man uns nicht finden.
Von ausländerfeindlichen Kundgebungen werden wir uns fernhalten.
Wir werden beten, wir werden klagen und wir werden loben.
Glauben werden wir und hoffen. Und lieben.
Für Gerechtigkeit werden wir uns einsetzen, auf den Frieden werden wir hoffen und lieben werden wir das Leben.
Wir werden viel weinen und wir werden noch mehr lachen.
Denn wir werden erzählen von Gott, der die Welt so sehr liebt, dass er seinen eigenen Sohn gibt, um sie zu retten.
Von Jesus Christus werden wir erzählen, der den Tod mit dem Leben besiegt hat.
Vom Heiligen Geist werden wir erzählen, der Leben ermöglicht. Und Lachen. Über Witze. Über die klugen und die flachen, über die ironischen und die sarkastischen.

So werden wir erzählen vom dreieinigen Gott, von unserem Glauben, der inspiriert und fasziniert, begeistert und euphorisiert. Vom Glauben, der zum Schmunzeln und zum Lachen bringt. Von Gott, der alle Tränen in seiner Hand sammelt: Die, die aus Wut und Enttäuschung geweint werden genauso wie alle Freudentränen.

So werden wir als Christen erkennbar sein. Man wird uns sehen und man wird uns hören. Jede und jeden von uns mit der eigenen Stimme, dem eigenen Gesicht. Und gemeinsam als Glieder am Leib Christi.

Amen.

Nr. 5 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Erst wenn du drin bist, weißt du, worauf du dich eingelassen hast.

Bei meiner Entscheidung für ein Theologiestudium mit dem Ziel Pfarramt spielten auf der einen Seite der Pfarrer, der mich getauft und konfirmiert hatte und auf der anderen Seite Erfahrungen in einer charismatischen Gemeinde in den Staaten eine Rolle. Beides sehr prägende Begegnungen mit Menschen. Aber wusste ich wirklich, worauf ich mich da einließ?

Beim Vorstellungsgespräch bei der Landeskirche fragte der Dezernent, wo ich mich denn in zehn Jahren als Pfarrerin sehen würde – im Nachhinein finde ich die Frage etwas merkwürdig, schließlich war ich erst im zweiten Semester oder so und gerade intensiv mit Griechisch-Vokabeln beschäftigt und mit dem Eindruck, dass Studieren doch ein bisschen so wie Schule ist, nur in freiwillig…aber gut. Er fragt diese Frage. Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich predige. Und ich taufe.“ Ja, was denn sonst?!, habe ich mir insgeheim gedacht. Womit sonst hätte ich die Bilder meiner beruflichen Zukunft malen sollen, wenn nicht mit Farben aus der Gegenwart? Der Dezernent war offensichtlich zufrieden und zitierte daraufhin noch eine Bibelstelle (an die ich mich nicht erinnere), die das seiner Meinung nach noch besonders gut deutlich machte. Und so machte ich hinter die Frage Bin ich hier eigentlich richtig? erstmal einen dicken Haken: Ja!

In den nächsten Jahren, in Studium und Praxis, habe ich versucht, meinem ursprünglichen Pfarrbild gerecht zu werden oder ihm zumindest näher zu kommen, es Wirklichkeit werden zu lassen. Es sollte doch kein Luftschloss sein?

Lange Rede, kurzer Sinn: Erst im Vikariat habe ich den richtigen Eindruck bekommen, worauf ich mich eingelassen habe. Habe erfahren, dass ich mit ganzer Begeisterung bei der Sache sein kann und es trotzdem Aufgaben oder Arbeitsbereiche gibt, bei denen ich sie nicht aufbringen kann. Weil mir das Talent fehlt oder die Ausbildung oder einfach nur die Erfahrung. Da hilft es nur wenig, mit meinen Aufgaben zu wachsen. An manches habe ich mich noch nicht gewöhnt. Zum Beispiel an die Langsamkeit, mit der die Mühlen bei Kirchens so mahlen; an sich im Kreis drehende Diskussionen; an fehlende Zielgerichtetheit, die entweder mit einer gewissen Selbstverliebtheit oder einfach nur Bequemlichkeit einhergeht („Ist doch alles schön!“); an Vorschriften, Regeln, Verbindlichkeiten, die angeblich total wichtig sind, aber an die sich dann doch keiner hält; an das Sitzfleisch der anderen; dass die Post der Landeskirche in einem Paralleluniversum zugestellt wird; dass meine Generation angeblich ganz ganz heiß begehrter Nachwuchs ist, meiner Meinung nach aber eine Willkommens-Kultur fehlt, damit wir es auch bleiben und und und. Soweit mein Eindruck.

Dazu habe ich viele Kolleg_innen kennengelernt, die keine Zeit haben (oder sie sich nicht nehmen?), z.B. über einen Predigttext nachzudenken. Die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihren Dienst bei einem Maximum, nämlich bei 100% zu halten. Ich habe Gemeinden kennengelernt, die viel sparen, aber wenig haushalten; die viel reduzieren, aber wenig konzentrieren. Und ich habe eine Kirche kennengelernt, die gegen den Trend wachsen will, aber faktisch immer kleiner wird – demographischer Wandel lässt grüßen! Das sind nur einige von den Dinge, die mich wieder und wieder haben fragen lassen: Bin ich hier richtig?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass heute, am Tag dieses Beitrags, die Ordinationstagung meiner Landeskirche stattfindet. Wo es unter anderem darum geht, wozu meine Kolleg_innen und ich uns demnächst berufen lassen werden: Die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Hätte mich damals schon jemand über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt – ich hätte mich wieder so entschieden. Hier bin ich richtig. Trotz allem und genau deswegen.

P.S.: Weil predigen und taufen nicht alles ist, schreibe ich beim nächsten Mal was zu Angebot und Nachfrage, dann in der Nr. 6 von 10… Man liest sich!

Nr. 2 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Du bist jetzt nicht mehr nur du. Ich bin jetzt nicht mehr nur ich.

„Eine Vikarin ist eine Vikarin ist eine Vikarin.“ So ähnlich hatte ich mir das vor zweieinhalb Jahren noch vorgestellt. Aber ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Mittlerweile weiß ich, dass der Satz nicht stimmt, nicht stimmen kann und es auch nicht soll. Und das ist gut so. Aber das brauchte seine Zeit. Wer bin ich als Vikarin? Diese Frage war mein täglicher Begleiter. Und regelmäßig gab es verschiedene Antworten, die ich einfach mal in beliebiger Reihenfolge nenne: Predigerin, Moderatorin, Organisatorin, Lehrerin, Leiterin, Frau, Auszubildende, Liturgin, Christin, Seelsorgerin und so weiter und so fort. Die meisten waren situationsabhängig. Aber eine fast nie: Repräsentantin der Institution Kirche. Und die war ich sehr oft (auch schon vor dem Vikariat, siehe hier). Denn zwischen Vikarin und Pfarrerin machen die meisten Menschen keinen Unterschied, was ich an ihrer Stelle auch tun würde, besonders weil es von außen betrachtet kaum Unterschiede gibt: Beide feiern Gottesdienste, teilen das Abendmahl aus, taufen, trauen, beerdigen und tragen bei all dem die gleiche „Uniform“, den Talar. Und so bemerken z.B. Taufeltern ganz offen: „Sie sind aber noch sehr jung für eine Pfarrerin…und Sie machen dann den Gottesdienst ganz alleine?“, worüber ich meistens schmunzeln muss.

Natürlich gibt es zwischen Vikaren und Pfarrerinnen jede Menge Unterschiede, aber die sind aus Gründen, die ich durchaus nachvollziehen kann, für die meisten Gemeindemitglieder irrelevant und deshalb uninteressant. Dinge wie Anstellungsfähigkeit, Ordinationsrechte, Stimmrechte im Presbyterium oder auf der Kreissynode und ähnliches sagen für sie nichts über die Qualitäten und Kompetenzen eines Pfarrers aus. Meistens fand ich es deshalb hilfreich, dass bei meinem Gegenüber die Unterschiede in der Regel verschwammen. Weil ich dann nicht erst meine Kompetenzen unter Beweis stellen musste. Vor allem in Gesprächen, die eine Taufe, Trauung oder Trauerfeier zum Anlass hatten, habe ich das erlebt. Eben überall da, wo meine Rolle von vorneherein klar war, z.B. auch bei Veranstaltungsplanungen, bei Sitzungen und Tagungen. Und in Gottesdiensten sowieso. Eine Vikarin ist eine Pfarrerin. Dieser Satz trifft schon viel eher zu, auch wenn er sachlich und kirchenrechtlich gesehen natürlich nicht stimmt.

Das liegt aber nicht nur an der Wahrnehmung der Gemeindemitglieder. Eine Vikarin ist eine Pfarrerin, weil beide die Institution Kirche repräsentieren. Auch da wird kein Unterschied gemacht. Wie gesagt: Repräsentantin der Kirche war ich oft. Sehr oft. Alle meine Kolleg_innen waren und sind es. Und wir machen sehr ambivalente Erfahrungen damit: Z.B. Ansprechpartner für alle erdenklichen Fragen zu sein (Warum gibt es ein Altes und ein Neues Testament? Bei Terry Pratchett habe ich gelesen, dass der Teufel ein gefallener Engel ist, stimmt das? Was passiert eigentlich nach dem Tod? Was soll ich glauben? Welche Meinung hat die Kirche zu…?), manchmal auch für gemeindeinterne Anliegen, und gelegentlich bei einem Geburtstagsbesuch vom Geburtstagskind mit einer langen Was-ich-immer-schon-über-die-Kirche-loswerden-wollte-Schimpfrede schon an der Haustür verabschiedet zu werden. Als Repräsentantin der Institution Kirche oder der Institution Gemeinde kann dir fast alles passieren. Aber nicht alles, was andere dir vortragen oder ans Herz legen, ist persönlich gemeint. Natürlich nicht. Du bist nicht irgendwer, auch nicht Frau Schulze (wenn du so heißt), sondern Frau Pfarrerin Schulze, und auf einmal ist dein Name gar nicht mehr so wichtig. Dafür musst du keinen Talar tragen.

Und so habe ich im Vikariat gelernt, Gespräche, Begegnungen, Anmerkungen und Feedback sehr differenziert wahrzunehmen – bzw. es zu versuchen, denn es ist mir nicht immer ad hoc gelungen: Spricht da gerade jemand mit mir als Privatperson, als Christin, als jemand, der sich in kirchlichen Strukturen auskennt und einen Draht zum Presbyterium hat, als Pfarrerin, als Repräsentantin einer Institution oder Gruppe? Manchmal fällt es mir schwer, etwas nicht persönlich zu nehmen. Weil ich mein Amt ja mit Person und Persönlichkeit fülle. Aber ich habe gelernt, dass nicht alles persönlich gemeint ist. Weil ich eben nicht nur Person bin.

Wenn ich also sage, dass ich im Vikariat gelernt habe, nicht alles persönlich zu nehmen, dann nehme ich trotzdem wahr, dass es im Leben einer Kirchengemeinde um persönliche Kontakte und Beziehungen geht, um persönliche Betroffenheiten und Lebensgeschichten. Das ist aber eine andere Art von Persönlichkeit und dazu werde ich an anderer Stelle (vielleicht Nr. 7 von 10?) noch etwas schreiben. Für jetzt beschäftigt mich einfach nur meine Rolle als Vikarin/Pfarrerin und das, was ich mir damit eigentlich sonst noch so angezogen habe. Wie das wirkt. Auf andere und auf mein Selbstverständnis. Dass der Satz „Ich bin Vikarin/Pfarrerin“ immer mehr heißt als das, was er wörtlich sagt.

Neulich saß ich auf einer Geburtstagsparty mit Leuten zusammen, die ich nicht kannte. Nach dem üblichen Smalltalk fragte dann jemand: Und, was machst du so? Die übliche Frage halt. Meistens kommt dann ja auch eine übliche Antwort. „Ich bin Vikarin, also Pfarrerin in der Ausbildung“, hat dann schon ziemlich überrascht. Mich auch. Weil ich wieder mal fasziniert davon war, wie sehr sich in der nächsten Stunde das Gespräch über persönliche Haltungen zur Kirche, Fragen zum Pfarrberuf, Anekdoten aus der eigenen Glaubensbiographie und überhaupt um den eigenen Glauben drehte. Weil wieder mal deutlich wurde: Als Vikarin bin ich nicht nur ich. In solchen und vielen anderen Situationen bin ich darum sehr froh.

P.S.: In der Nr. 3 von 10 Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe, geht es um was ganz anderes.

Ohne Worte

Es gibt sie, diese Texte, die für sich sprechen. Der folgende hängt über meinem Schreibtisch. Und über dem von so manch anderen Vikar.innen. Ob auch unsere Mentor.innen davon wissen?…

1. Ich bin dein Vikar, der dir vom Landeskirchenamt zugewiesen ist, du sollst keine anderen Vikare haben neben mir.

2. Du sollst dir kein falsches Bild von mir machen: Ich bin weder dein Knecht noch Lückenbüßer im Predigtplan. Denn ich, dein Vikar, bin ein eifernder Vikar, der deine Fehler an deinen Töchtern heimsucht bis ins dritte oder vierte Glied, aber Barmherzigkeit erweise ich an ihnen, wenn sie mich lieben.

3. Du sollst die Arbeitskraft deines Vikars nicht missbrauchen, denn er wird den nicht ungestraft lassen, der ihn mit Arbeit überlastet.

4. Gedenke des Feiertages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage lang arbeitet dein Vikar im Predigerseminar, am siebten Tag sollst du ihn ruhen lassen.

5. Du sollst deinen Vikar in Ehren halten, auf dass du deine Pfarrstelle lange behaltest.

6. Du sollst die Motivation und Energie deines Vikars nicht abtöten.

7. Du sollst die Beziehungskiste deines Vikars sich ungestört entfalten lassen.

8. Du sollst deinen Vikar nicht die Ideen klauen.

9. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Vikar, sondern in deinem Abschlussbericht zugeben, dass er eine Posaune Gottes ist, du hingegen nur eine Orgelpfeife.

10. Du sollst nicht begehren deines Vikars Weib, Auto, Ausbildungszeit, Morgenschlaf, Feierabend, Bierkiste, noch alles, was sein ist.

(Quelle: unbekannt)

…Gibt’s das auch in Probedienst?!