Guck‘ mal, wer da spricht!

In meiner facebook-timeline tauchte in den letzten Tagen bestimmt siebenmal oder öfter dieser eine Artikel auf, immer wieder von anderen Personen geteilt: „Kirche verreckt an ihrer Sprache“. Ich habe ihn dann auch mal gelesen. Auch die Kommentare und Diskussionen, die drumherum so entstanden. Und habe das Gefühl, dass das Thema einen Nerv trifft: Derjenigen, die sowieso in die gleiche Kerbe schlagen („Habe ich doch immer schon gewusst! Und gesagt auch!“). Und derjenigen, die sich nicht angesprochen fühlen („Da kennt der mich aber nicht!“).

Keine Frage, auch mich hat das in letzter Zeit beschäftigt. Weil ich erst bis vor kurzem eine Ausbildung genossen habe, in der sehr viel Wert auf gute Predigt- und Gebetssprache gelegt wurde. Weil ich der Meinung bin, dass Authentizität beim Auftreten anfängt und spätestens dann aufhört, wenn mein Gegenüber den Mund aufmacht. (Der Volksmund mag die Augen ja für das Fenster der Seele halten. Dann ist die Sprache eine Tür. Das Tor zur Welt. Zum Du. Zum Wir.) Weil Rhetorik auch eine theologische Disziplin ist, sonst würde es nicht TheoLOGIE heißen. Weil es ohne Sprache keine Verkündigung gibt, kein Weitersagen einer Froh-Botschaft, kein Evangelium.

Aber ich frage mich allen Ernstes: Warum wird ein Artikel über einen subjektiven Negativ-Eindruck von Theologen- und Predigtsprech ÖFTER GETEILT als ein wirklich sprachlich und inhaltlich gelungenes Beispiel quasi „von nebenan“, nämlich die beeindruckende und anrührende Predigt von der westfälischen Präses Annette Kurschus anlässlich des Gottesdienstes zum Gedenken an die Opfer des Flugabsturzes?! (Wer sie bis jetzt nicht gelesen hat, tue es umgehend. Es lohnt sich!)

Und was ist das für ein Bild von Kirche, das offensichtlich dann entsteht, wenn Menschen bedauerlicherweise zu oft schlechter Sprache ausgesetzt sind? Zu viele langweilige Gottesdienste besucht haben? Es noch nie erlebten, dass SIE gemeint sind? Ich finde, da wird nochmal deutlich, dass Sprache nicht nur Tore öffnet, sondern auch Türen zuschlägt. Direkt vor der Nase. Nur wer versteht, gehört dazu. Nur wer die gleiche Sprache spricht, darf mitreden…

Gerade komme ich von einer Zusammenkunft von Pfarrer/innen, die sich einen Nachmittag lang Gedanken über die Zukunft ihrer Region gemacht haben, zumindest für die nächsten zehn Jahre. Wenn ich mir versuche auszumalen, in welche Richtung sich Pfarrbilder in dieser Zeit entwickeln werden, welchen Herausforderungen das Pfarramt entgegengeht oder -sieht, dann wird mir noch einmal mehr bewusst, wie sehr Sprache pfarrdienstliches HANDWERKSZEUG ist. Wenn Gemeinden zusammengelegt, Kirchen verkauft und Pfarrstellen abgebaut werden – die Sprache bleibt. Gottes Wort bleibt. Inmitten von sprachlichen (und nicht nur das!) Ungetümen wie Haushaltskonsolidierung und Verwaltungsstrukturreformen.

Kirche lebt durch das Wort. Lassen wir es leben!

Nr. 10 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: „Tschüs“ heißt „Gott befohlen“!

Seit dem 01. April 2012 steht fest, dass meine Ausbildung im Oktober 2014 beendet und ich spätestens ab 2015 etwas anderes machen werde. Dass ich woanders sein werde. Dass jetzt die Zeit des Verabschiedens gekommen sein werden wird (…ich bin verwirrt: Ist das jetzt Futur III? Ihr wisst, was ich meine… )
Jetzt ist die Zeit des Verabschiedens. Das ist seit zweieinhalb Jahren klar. Und trotzdem kommt sie überraschend, diese Zeit und diese Herausforderung… Vielleicht, weil die Zeit wie im Flug verging? Vielleicht, weil man lieber die gemeinsame Zeit genießt, anstatt heute schon daran zu denken, dass man sich übermorgen verabschieden muss?

Vor zwei Wochen war ich beim Blick auf den Kalender selbst überrascht: Wie, schon so spät?! Und so schnell können auch zwei Wochen vorbei gehen. Heute bin ich also den letzten Tag meines Lebens Vikarin und morgen beginnt mein Pfarrdienst(verhältnis auf Probe – wenn man es genau nimmt, aber das tue ich nicht, denn Pfarrerin bin ich so oder so.) Und damit ist nicht nur das Ende meiner Ausbildung besiegelt, sondern damit steht auch der andere Aufbruch vor der Tür, lässt sich jetzt nicht mehr wegdenken: Dass es Zeit ist, sich zu verabschieden. Nicht nur vom Vikariat, sondern auch von der Gemeinde. Auch wenn man mich hier und da noch trifft – im Konfi, in der Kinderkirche und in Gottesdiensten – werde ich schon andere Aufgaben haben und woanders unterwegs sein. Ich werde weg sein. Ich werde gehen. Und fange jetzt schon damit an. Deshalb ist dieser Beitrag auch schon mehr Verabschiedung als ich es mir vor zwei Wochen noch gedacht hätte.

Also schaue ich mir genau diese letzten zwei Wochen nochmal an: Ich habe meine Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre ein bisschen geordnet, aufgegräumt, gesäubert, abgelegt, neu sortiert, unter die Lupe genommen, aus der Distanz betrachtet, sie in Schubladen gesteckt, ihnen Etiketten verpasst und sie weggepackt. Nicht in den Keller, aber zumindest in ein Regal in Kellernähe. Das soll nicht heißen, dass ich vergessen will, im Gegenteil! Das, was ich in den letzten zweieinhalb Jahren erlebt habe, passt in kein Regal, keinen Vikariatsbericht, keinen Blog und kein Tagebuch der Welt. Weil es so unglaublich viel ist, tut es mir gut, wenigstens einen Teil davon erstmal „aus den Füßen“ zu haben. Nicht aus den Augen und nicht aus dem Sinn, sondern immer noch so nah, dass ich jederzeit dran kann, es aber nicht muss.

Ich stehe immer noch auf der Schwelle. Und finde in Abraham einen prominenten Leidensgenossen. Wer so auf der Schwelle steht, blickt wehmütig zurück auf das, was war. Muss sich verabschieden und Liebgewonnenes zurücklassen. Was sagt man dann?
Auf Wiedersehen? Obwohl es vielleicht keins geben wird?
Ciao? Viel zu sehr Jugendsprache aus den Neunzigern!
Tschüs? Viel zu nichtssagend!

Moment!? Da habe ich im Vikariat aber was anderes gelernt: „Tschüss“ heißt „Gott befohlen“! Gut, manch einer braucht da kein Vikariat für, sondern schaut in das gängige online-Lexikon und wird auch da fündig. Aber wenn man das (wie ich) nicht getan hat, ist dieser Moment im Predigerseminar, wenn es um die Verabschiedung z.B. nach einem Besuch im Krankenhaus geht und der Dozent uns „Gott befohlen“ ans Herz legt, was keinem der Kolleg_innen so richtig über die Lippen kommen mag, was wir aber jedes Mal sagen, wenn wir uns mit „Tschüs“ verabschieden, sehr erhellend!

Jemanden Gott anzubefehlen, ist eine feine Art, sich zu verabschieden. Damit wird der Abschied nicht nur eine Sache zwischen zweien, sondern dreien. Und deshalb habe ich in Abraham nicht nur einen prominenten Leidens-, sondern auch Glaubensgenossen. An dem deutlich wird, dass Gott was mit uns vorhat, von dem wir Schritt für Schritt (und das ist wörtlich zu nehmen!) erfahren werden. Dass er sich sorgt um die, die gehen und die, die bleiben. Dass er seinen Segen gibt über Abbrüchen, Umbrüchen und Aufbrüchen. Über Abschieden und Neuanfängen.

So stehe ich also auf der Schwelle, blicke zurück auf das, was war und schaue dem entgegen, das kommt. Hoffentlich stehe ich da nicht alleine. Denn sich verabschieden und neu anfangen müssen in der nächsten Zeit alle, mit denen ich hier regelmäßig tolle Arbeit gemacht habe. Alle, die wir uns in den letzten zweieinhalb Jahren nah gekommen sind. Hoffentlich stehen sie alle auch hier und singen/sprechen/lesen für sich selbst, was Klaus Peter Hertzsch in den Achtzigern gedichtet hat:

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

Nr. 9 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Der Weg ist das Ziel.

Als sich im September das Ende der Examenszeit abzeichnete, man mich regelmäßig fragte, wie es mir denn gehe und ich ebenso regelmäßig wie automatisiert antwortete, ich sei froh, dass die Lernerei bald ein Ende haben werde, erntete ich nicht etwa verständnisvolles Nicken, sondern in den allermeisten Fällen ein verschmitzt-altkluges Lächeln, und dann diesen Satz, den ich nach dem dritten Mal schon nicht mehr hören konnte und mich immer noch damit schwer tue: „Sie werden Ihr ganzes Leben lang lernen…“

Warum ich mich schwer tue? Der Satz stimmt zwar. Aber ist er auch wahr? Er muss sich doch für mein Leben und mein Berufsleben erst bewahrheiten, also sich als Wahrheit erweisen! Das ist das eine.
Das andere ist, dass ich schon ahne, wie sehr er sich bewahrheiten wird, weil es unausweislich ist, dieses Lernen. In den letzten zweieinhalb Jahren wurde mir eben genau diese Binsenweisheit sehr sehr klar. Und dass das Pfarramt kein Beruf wie jeder andere ist, sondern ein Dienst und eine Berufung und ein Leben. Du wirst nie ausgelernt haben. Du wirst nie fertig sein.

Warum eigentlich? Ach so, ja, weil das Leben eine Reise ist? Wir gehn dahin und wandern / von einem Jahr zum andern, schreibt Paul Gehrhardt im 17. Jahrhundert. „Der Weg ist das Ziel“, sagt man heute. Normalerweise finde ich diese Bilder von „Kirche auf Wanderschaft“, „Wir sind alle Pilgerinnen und Pilger“, „Gemeinde unterwegs“, „Wir sind alle Suchende“ und ähnliche sehr dürftig; meiner Meinung nach werden sie oft eher unreflektiert benutzt, z.B. um davon abzulenken, dass einem gerade kein besseres Bild eingefallen ist. Aber das führt jetzt vielleicht zu weit.

Was ich sagen will: Der Weg ist das Ziel. Ja. In meinem Fall stimmt das und ist auch noch wahr! In den letzten Jahren bin ich einen unglaublich langen Weg gegangen, der mir beim Gehen sehr viel länger vorkam als er in Wirklichkeit gewesen ist – aber das ist bei Spaziergängen oder Autofahrten auf unbekannten Strecken ja immer so. Ich bin den Weg aber nicht nur gegangen, ich habe mich durch scheinbar undurchdringliches Dickicht geschlagen („Da musst du jetzt durch!“), habe auf Lichtungen die Sonne genossen („Herrlich hier!“), habe mich verirrt („Wo bin ich hier gelandet?!“), mich ausgeruht („Urlaub!“) und noch viel mehr erlebt als in irgendein Tagebuch passen könne – und stehe jetzt an dieser Gabelung. Die doch kein Ziel ist. Denn der Weg ist es ja. Die sich aber trotzdem so anfühlt. Zumindest wie ein Etappenziel.
Dieser Moment, nachdem du eine Weile blindlings drauflosgegangen bist, immer weiter, einen Schritt nach dem anderen, und du irgendwann stehenbleibst und wie zum ersten Mal wahrnimmst, dass du unterwegs bist. So ein Moment ist das jetzt, in diesen Tagen.

Ich stehe also an dieser nächsten Gabelung. Mit dreckigen, staubigen Schuhen. So nehme ich die letzten Jahre immerhin noch ein Stückchen mit und lasse sie Schritt für Schritt hinter mir, wenn die noch feuchte Erde langsam trocknet und aus der Schuhsohle herausbröselt…

Und auch wenn sich beim Verabschieden das Thema „Weg“ nahe legt: Es KANN KEIN ZUFALL SEIN, dass ich gerade heute Abend von einer Gruppe in der Gemeinde eine Postkarte mit selbstgeschriebenen Zeilen bekam, als hätten sie gewusst, worüber ich heute schreiben werde (vorne ein Foto von einer Wendeltreppe): „Mal seh’n, wo dein Weg dich so hinführt… Auf jeden Fall weiter…nach oben…wieder runter…lass‘ dich überraschen.“ Genau das werde ich tun – etwas anders bleibt mir wohl auch nicht übrig, oder?!

P.S.: Am Freitag poste ich die letzte Nummer, die Nr. 10 von 10 Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe. Am letzten Tag als Vikarin. Man liest sich!