Nr. 4 von 10…

…Dingen, die ich im Vikariat gelernt habe: Kleider machen Leute.

„Was zieh ich an, was zieh ich an, damit man mich auch gut sehen kann?“, trällerten Schulkinder in den Neunzigern (hach da werden Erinnerungen wach…) und schärften damit allmorgendlich ihr Bewusstsein für verkehrssichere Kleidung. Der Subtext heißt: Wer nicht auffällt, wird übersehen!

Übersehen werden wollen Kirchengemeinden auch nicht. Aber gegenüber dem Auffallen gibt es doch noch ein paar Vorurteile: Haben wir das nötig? Dürfen wir das denn? Geht das überhaupt?
Um nach außen ein einheitliches Bild abzugeben und auch nach innen alle unterschiedlichen Kleidungsstile (Birkenstock und Haute Couture, Schlaghosen und Röhrenjeans, Burberry-Schal und Jack Wolfskin-Fleecepulli) zusammen zu fassen, geben sich Kirchengemeinden heutzutage aus guten Gründen ein Corporate Design, das ihnen hilft, sich nicht jeden Morgen und bei jeder Plakat-, Handzettel-, Liedblatt-, Homepage- und sonstiger Gestaltung neu fragen zu müssen: Was zieh ich an…? Und heben sich dadurch hoffentlich ein bisschen von der Masse ab. Fallen also im besten Falle auf.

Aber gut gemeint ist längst nicht gut gemacht: Lässt das Design Gestaltenden eine gewisse künstlerische Freiheit (manchmal ist noch nicht einmal Querformat möglich)? Kann das Logo problemlos an jeder Stelle in Print- und digitalen Medien eingesetzt werden? Wissen alle über das Design Bescheid und verwenden es entsprechend? Und: Bestimmt die Funktion wirklich die Form?

Im Vikariat habe ich gelernt, mit offenen Augen durch die Welt und die Kirche zu gehen und zu beobachten. Das meiste, was ich dabei sehe, gefällt mir. Aber wenn ich sehe, welches Design und Layout sich Gemeinden so „anziehen“, dann finde ich Vieles davon wirklich nicht schön. Also weder stilvoll noch besonders aussagekräftig. Und Mühe machen sich die wenigsten. Dabei ist das gar nicht so schwer: Meiner Meinung nach dürfte kein Gemeindebrief in der Herstellung so teuer sein, dass er auf Anzeigen angewiesen ist; der schwarz-weiß-Kopierer sollte hauptsächlich für Arbeitsmaterialien und Sitzungsunterlagen benutzt werden; Geld für Software wie EG digital (mindestens das!) ist mehr als gut investiert; Comic Sans kann in den Neunzigern bleiben und eine Grafik/ein Logo/ein Werbemittel, das Kreuz, Fisch und Friedenstaube enthält, hat mindestens zwei Symbole zu viel.

Wenn unter den Leser_innen jemand anderer Meinung ist, her damit! Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen – wenn ihr gute Argumente habt. 🙂

Im Nachgang zu gestern kommen mir außerdem auch solche Fragen: Werden unterschiedliche Kommunikationsmittel genutzt, um alle zu erreichen? Sind Informationen allen zugänglich? Ist die Sprache verständlich? Machen wir es Menschen leicht, Angebote wahrzunehmen? Werden Informationen regelmäßig aktualisiert? Kann wirklich jede/r kommen?

Ich bleibe dran.

P.S.: Die Kirche und die Werbung…ein mir bekannter Pfarrer hat dazu mal einen lesenswerten Beitrag in seinem Blog verfasst!

P.P.S.: Ein Augenschmaus (und nicht nur das) ist das von der VEM (Vereinte Evangelische Mission) Buch „Aufmachen“. Eine schöne Inspirationsquelle!

P.P.P.S.: Ich bleibe noch ein bisschen bei der Vogelperspektive. Manchmal tut es ganz gut, sich die Dinge mit viel Abstand von oben anzusehen. Nächstes Mal dann was zu kirchlichen Strukturen, ihren Risiken und Nebenwirkungen (Nr. 5 von 10). Man liest sich!