Ohrenschmaus

Predigt für den Gottesdienst am 03. Mai 2015 (Kantate) in der Friedenskirche Neersen: 1 Sam 16,14-23

Was auf die Ohren (Teil 1).
Liebe Gemeinde,
wenn ich einkaufen gehe, verlasse ich den Supermarkt in der Regel nicht nur mit vollen Einkaufstüten, sondern nehme noch etwas mit, gratis sozusagen. Es steckt nicht etwa in meinen Tüten, sondern in meinen Ohren. Meistens merke ich es erst, wenn ich zu Hause bin und nichtsahnend die Einkäufe wegräume. Dann taucht es ganz unvermittelt auf und bleibt hartnäckig für ein paar Stunden, der Beschallungsanlage im Supermarkt sei Dank: Mein Ohrwurm.

Letzte Woche wurde bekannt, dass das Kauen von Kaugummi helfen soll. Allerdings erst hinterher, also nachdem man ein Lied mit Ohrwurm-Charakter gehört hat. Und bisher wurde es nur an Hits getestet, also diesen Liedern, die vierundzwanzig Mal am Tag im Radio laufen und bei denen man keine Chance hat, wegzuhören. Weil auch keiner freiwillig weghören will. Denn es sind ja Lieder, die den meisten Leuten gefallen. Lieder, die die meisten Leute gerne hören. Solche Ohrwürmer sind doch zum Behalten.

Und dann sind da die anderen. Die, die dir unterbewusst eingesetzt werden wie ein Floh. Ein Ohrfloh. Während du deinen Einkaufswagen füllst oder den Tank deines Autos, wenn du die Spülmaschine ausräumst, während im Hintergrund die Fernsehwerbung läuft und zu all diesen anderen Gelegenheiten. Diese Ohrwürmer setzen sich richtig fest. Da hilft kein Kaugummi und dagegen ist auch noch kein anderes Kraut gewachsen. Da würde nur helfen, das Radio aus- oder gar nicht erst einzuschalten und den Fernseher in der Werbepause stumm oder mit Ohropax einkaufen zu gehen oder tanken zu fahren. Da würde nur helfen, sich zurückzuziehen aus einer Welt der Klänge, Stimmen, Melodien und Töne. Die beste Lösung wäre das bestimmt nicht.

Angst essen Seele auf.
Manche Ohrwürmer setzen sich richtig fest. Manchmal auch welche, die gar keinen Rhythmus haben, keine Noten oder Töne. Einfach nur Worte und Bilder. Gedanken, die du nicht so einfach wegschieben kannst wie den Sessel im Wohnzimmer. Sorgen, die sich nicht so einfach ablegen lassen wie den Mantel an der Garderobe. Mit denen du dich abends ins Bett legst und die immer noch da sind, wenn der neue Tag beginnt. Die dich nachts nicht schlafen und tagsüber nicht konzentrieren lassen. Mancher Ohrwurm frisst sich langsam durch den Körper und dabei fast die Seele auf.

Die Bibel erzählt von einem, dem ging es so. Zwischen den Zeilen kann man das lesen. Sie erzählt auch, was ihm geholfen hat. Schwarz auf weiß steht das da. Für alle zu lesen. Für alle zu hören. Im 1. Samuelbuch im 16. Kapitel.

14 Der Geist des HERRN aber wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn. 15 Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich. 16 Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde. 17 Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir. 18 Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm. 19 Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist. 20 Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David. 21 So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger. 22 Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen. 23 Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.

Musik ist die beste Medizin.
Ich stelle ihn mir vor, diesen König. Ein kräftiger Mann, jetzt zusammengesunken auf seinem Thron. Matt. Erschöpft vom Kampf gegen das, was ihm den Schlaf raubt und beinahe seine Seele auffrisst. Den schweren Kopf in die Hände gestützt. So stelle ich ihn mir vor, diesen Mann, der einst alles wusste und jetzt nicht mehr weiter weiß. Für den Lachen, die angeblich beste Medizin, zu einer bitteren Pille geworden ist und dem sich die Mundwinkel bei dem Versuch, sie zu schlucken, angewidert verziehen. Er schafft es noch nicht einmal, gute Miene zum bösen Leben zu machen. So stelle ich ihn mir vor, diesen Mann, dessen Ohren taub geworden sind für alle gutgemeinten Ratschläge und der über seine Angst so empfindlich geworden ist, dass jedes Wort ihn reizt und jede Berührung schmerzt. Und dann kommt einer, der ihn streichelt mit Tönen. Zärtlich streichen Hände über die Harfe, ihr Klang legt sich beruhigend auf seine Haut. Balsam auf seiner Seele.

Was auf die Ohren (Teil 2).
Es gibt sie, die Musik, die Wunden verbindet. Schmerzen lindert. Heilt. Eine Musik, die dich ablenkt von dem, was dich gefangen hält. Die dich lenkt. An einen Ort, an dem leicht wird, was dich belastet. Und was dich beengt, wird frei. Ein Ort zum Aufatmen.
Wenn du diese eine Platte auflegst, die Nadel über das Vinyl kratzt und dann die vertrauten Klänge das Wohnzimmer fluten und verwandeln. In diesen Ort.
Wenn du deine Kopfhörer aufsetzt und für einen Moment alles still ist. Bis dir die ersten Töne von deinem Lieblingslied direkt ins Ohr gesungen werden. So nah, dass du sonst nichts mehr hörst. Hier ist alles andere vergessen.
Der Streit.
Die schlaflosen Nächte.
Das Gedankenkarussell.
Der Liebeskummer.
Die Trauer.
Hier ist der Ort ohne Schmerz und ohne Leid. Hier klingen Lieder von Frieden und Freude, die deiner Sehnsucht Flügel verleihen und deinen Armen so viel Länge, um die Welt zu umarmen. Lieder, die Tränen trocknen und Herzen heilen. Für eine Zeit, die länger ist als drei Minuten vierzehn. Und länger als dein Lieblingslied in Endlosschleife. Lieder für die Ewigkeit. Neue Lieder.

Ein neues Lied.
Was ist das für eine Musik?
Wie wäre das, wenn alle sie hören?
Wie würde es sein?
Was wär das für ein neues Lied?

wenn einst stumme Lippen Lieder summen
und aus der Tiefe Töne brummen
wenn Klänge klingen durch trübe Lüfte
und längst vergessene alte Düfte
die Nase und dein Ohr verwöhnen
mit diesen und nur solchen Tönen
die Atmen wieder möglich machen
(mit Luft in den Lungen lässt es sich ja viel leichter lachen
und singen und leben)
und die Welt räkelt sich wieder der Sonne entgegen
klatscht in die Hände und jubelt dazu
die einen laut
die anderen leise
alle singen sie auf eigene Weise
im eigenen Tempo und Rhythmus
denn nichts muss, alles ist erlaubt
alles wovon du glaubst
dass es dein Lied ist
weil jeder Mensch singen kann und soll
ob Dur oder Moll, ob schief oder klar
wenn es dein Lied ist
ist es wahr was man erzählt
dass einer alle Lieder in seinen Händen hält
und in die Herzen schreibt
(und was einmal geschrieben ist, bleibt
dort eingraviert und komponiert, detailliert arrangiert)
diese Lieder gehören aufgeführt
auf der Bühne des Lebens
wo sie davon singen, dass nichts vergebens ist und alles vergeben
was wären das für neue Lieder
die Welt ein Gesang und der Gesang nur ein Wort
ein neues Lied das den ansieht, der dich ansah
Halleluja

Amen.

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